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„Rummelplatz Alpen“ , Arte „Der Berg muss funktionieren“

Ein Dokumentarfilm bei Arte zeigt, wie Unternehmer und  Industrie das Gebirge im Dienste des Tourismus umkrempeln wollen.

Der Hotelier Günther Aloys aus Ischgl gilt als Erfinder der Skisaison-Openings mit Mega-Konzerten auf 2.300 Metern. Foto: © Louis Saul

Ist vom Massentourismus die Rede, geht es meistens um die Ziele im Sommerurlaub: Sonne,  Strand und Meer. Dass die Wellen der Winterurlauber die Alpen überfluten und damit nicht weniger problematische Spuren hinterlassen, zeigt nun ein Dokumentarfilm von Louis Saul: „Rummelplatz Alpen“. In der französischen Version lautet der Titel „Alpen  – das neue Ibiza?“  Und das trifft es besser. Denn was der Autor und seine Augenzeugen zu erzählen haben, lässt erkennen, wie das Hochgebirge in Europas Mitte zum Zwecke des Tourismus platt gemacht wird – mitunter im Wortsinne.

Das Klima verändert sich. Es wird wärmer, Schnee wird seltener, und damit werden die Orte und Zeiten begehrter, in denen Wintersportler  Urlaub in den Bergen buchen können. Das bedeutet für die Tourismus-Industrie: Neue Ideen und Initiativen sind gefragt. Doch was Autor Saul darüber in Erfahrung bringt, klingt eher ernüchternd. Er hat sich an die „Hot Spots“ (hier ist der Begriff einmal angemessen...) der Industrie begeben, besucht Touristiker in traditionellen Orten wie Ischgl, aber auch in den Retorten-Dörfern wie Lac de Tignes oder Les Menuires in den französischen Alpen. Und stellt fest: Die Verantwortlichen schwören auf den Fetisch Wachstum, wissen sich angesichts der düsteren Aussichten nicht anders zu helfen als mit einem „Immer weiter so.“

Das heißt zum Beispiel noch mehr Betten in Hotels oder  Appartements, die Unternehmer Reto Gurtner in Laax dann als graue Klötze in den Schnee stellt, "Rockresort" nennt und behauptet, das habe noch etwas mit der natürlichen Umgebung zu tun. Fotograf Lois Hechenblaikner, der die Veränderung der Alpen seit Jahren dokumentiert (etwa mit dem Bildband „Hinter den Bergen“), spricht von „alpinen Lebkuchenhäusern“ in anderen Wintersport-Zentren. In Ischgl lässt Hotelier Günther Aloys bei „Mountain Top“-Konzerten schon mal Robbie Williams einfliegen, denn er handele auf einem „Markt von 500 Millionen Teilnehmern“. Einen Einblick in seinen Größenwahn gibt er mit dem Satz, er müsse „gegen das Wasser und das Meer ankämpfen“.

Dafür haben die Wintersport-Generäle dann die entsprechenden Waffen, wie ein Besuch bei der einschlägigen  Innsbrucker Messe zeigt: Pistenraupen und Schneekanonen – allein 1200 im Gebiet um Ischgl – überwinden allen Widerstand der Natur. Die wird niedergewalzt und platt gemacht. Kaum eine Piste in den Alpen kommt noch ohne künstlich fabrizierten Schnee aus.

Es wäre schon schlimm genug, wenn es nur dabei bliebe. Doch wie die Wissenschaftlerin Carmen de Jong am Beispiel des Wassers in den Retortensiedlungen der Trois Vallees in Savoyen zeigt, hat die Verdichtung der Böden für Abfahrtspisten und Lifte verheerende Folgen für das ökologische Gleichgewicht. Hydrologin de Jong hat Kolibakterien in den Wasserläufen entdeckt. Ihr Fazit: „Wir haben saubere Gebirgsbäche zu Kloaken verwandelt.“

Die Tourismus-Industriellen wie Aloys beschwören nach wie vor die Substanz der Alpen: „Wir lassen 95 Prozent  völlig in Ruhe.“ Und selbst Reinhold Messner sagt, dass 99 Prozent der Alpenfläche ungenutzt seien. Allein: Ein Blick auf die schroffen Felswände und den ewigen Schnee zeigt, welcher Teil verschont bleibt: der, den man ohnehin nicht nutzen kann. Messner weist aber auch darauf hin, dass sich unser Blick auf die Berge verändert habe: Statt einen „Erfahrungsraum“ sähen wir nun in ihnen einen „Unterhaltungsraum“.  Das spricht Bände.

Natürlich gibt es inzwischen genügend Stimmen, die vor dem Raubbau warnen, meist kommen sie von grünen Politikern, Umweltschützern oder Einheimischen wie dem Extrem-Bergsteiger Alexander Huber, der sich einen Bergbauernhof gekauft hat und dort nachhaltige Landwirtschaft betreibt. Aber gegen die Vertreter der Tourismus-Industrie wirken sie wie David beim Kampf gegen Goliath. Und der hat wenig Hemmungen. „Der Berg muss funktionieren“, sagt Günther Aloys. Ob sich der Berg daran halten wird?

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