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Rom am Rhein, Arte Wer ist das Volk?

Das dreiteilige Doku-Drama um das halbe Jahrhundert römischer Herrschaft im Rheinland hat filmisch nicht viel Neues zu bieten – birgt aber thematisch einige überraschende Parallelen zu aktuellen politischen Diskussionen.

05.03.2016 10:49
Von DJ Frederiksson
Die Germanin Alvina (Stefania Kocheva) in ihrem Heimatdorf vor der Heirat mit einem römischen Legionär. Foto: ZDF/Tschandar Jirov

Der Begriff des „Volkes“ feiert dieser Tage eine traurige Renaissance. Seit Jahrzehnten totgesagt und begraben, wird das Schlagwort derzeit wie ein unwilliger Zombie durch AfD-Parteitage und das jüngste NPD-Verbotsverfahren gezerrt.

Manchmal braucht es keine politischen Fernsehbeiträge oder Feuilleton-Kommentare, um die Absurdität einer politischen Debatte aufzuzeigen – manchmal genügt auch der Blick auf ein historisches Doku-Drama über Spätantike. Da ist schon in den ersten Minuten die Rede von Germanen, die „sich integrierten, um ihr Bürgerrecht zu erhalten“, bevor dann aufgezeigt wird, wie globalisiert und multikulturell das Rheinland schon vor 2000 Jahren war – und wie schon immer alle Seiten davon profitiert haben.

Und wenn dann eine Gruppe Germanen um den militanten Stamm der Bataver beschließen, dass ihnen die völkische Isolation und Unabhängigkeit wichtiger ist als der lukrative Freihandel und der Zugang zu einem internationalen Marktplatz (der damals noch genau das ist – ein Marktplatz nämlich), dann sind wir direkt im Hier und Heute zwischen Euroskeptikern, Brexit-Forderungen und anderen Kulturpuritanern.

Dabei werden genau die aktuellen Verrenkungen beim Versuch, eine „deutsche Kultur“ zu definieren, hier ad absurdum geführt, wenn sich schnell herausstellt, dass alle, aber auch wirklich alle zivilisatorischen Neuerungen, die wir gerne mit dem heutigen Deutschland verbinden, den Römern zu verdanken sind. Tatsächlich kommt dem Zuschauer schnell jene berühmte Beschwerde aus dem „Leben des Brian“ in den Sinn: „Mal abgesehen von sanitären Einrichtungen, der Medizin, dem Schulwesen, dem Wein, der öffentlichen Ordnung, der Bewässerung, der Straßen und der allgemeinen Krankenkassen – was haben die Römer je für uns getan?“

Das mit der Bewässerung ist übrigens wörtlich zu nehmen: Das Kölner Aquädukt aus der Eifel war das drittlängste des Imperiums und sorgte für frei verfügbares, frisches Quellwasser selbst für die Ärmsten. Es hat später 1000 Jahre gedauert, bis ins 19. Jahrhundert hinein, bis die Qualität der Wasserversorgung in Köln wieder die Qualität erreichte, die sie unter den Römern hatte.

Noch besser: Es wird nicht nur gezeigt, welchen Einfluss die tausenden römischen Veteranen  aus Rumänien oder Spanien hatten, die sich mit satter Rente und hohen Kulturansprüchen am Rhein ansiedelten – sondern auch, wie die Immigranten der zweiten und dritten Generation sowie die Kinder gemischter Elternpaare die Politik und Gesellschaft der nächsten Jahrhunderte prägten. Bis hin zu einem weiteren Jahrtausend deutsch-römischer Kaiser im selbsternannten „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“. Multikulturelle Integration und Assimilation als epochale Erfolgsgeschichte.

Importe aus fremden Regionen

Als reines Dokudrama bietet „Rom am Rhein“ filmisch freilich wenig Originelles. Jedes Versatzstück der biederen Inszenierung hat man schon ein Dutzend Mal gesehen: die hübsch-schmutzigen Kostüme; die lauwarmen Schauspiel-Leistungen in hölzern geschriebenen und arg spekulativen nachgestellten Geschichtsmomenten; die Massenszenen, denen man ansieht, dass nicht mehr als ein Dutzend Statisten zur Hand waren; die üblichen Stakkato-Streicher, die der Antike ein seltsam beschwingtes „Fluch der Karibik“-Gefühl gibt; und zwischendrin der freundlich-harmlose Archäologe Matthias Wemhoff, der vor Museumsstücken posiert und ab und zu als Erzähler fungiert und Details nachreicht.

Das alles ist ebenso altbekannt wie uninspiriert. An einigen Stellen scheint das Klischee sogar die Glaubhaftigkeit zu übertrumpfen: Dass die Römer im Kölner Herbst tatsächlich nur in Toga herumlaufen, wirkt wenig durchdacht, da hat man selbst in Serien wie „Rome“ schon glaubhaftere Ausrüstung gesehen. Aber immerhin vermittelt die Reihe eine schön detaillierte Beschreibung der Stimmung und des Alltagsleben an den Rändern des römischen Reiches in den ersten Jahrhunderten nach Christus: Kriegstraumata und Stammesfehden, die Sprachbarriere, aber auch Schuhe, Farbstoffe, Bildung und Beleuchtung werden kurz angerissen.

Und so schaut man auch gern in die noch kommenden Folgen hinein, wo erneut eindrücklich wird, dass alles, was in Germanien über Holzhäuser und Schilfdächer hinausgeht, von den Römern kommt. Und wo man lernt, dass selbst die von stolzen Deutschen immer wieder hervorgekramten letzten Bastionen unserer vermeintlichen Heimatkultur, von der Kulinarik bis zum Christentum, herzlich wenig mit nordeuropäischen „völkischen“ Traditionen zu tun hat, sondern Importe aus eben jenen Regionen waren, aus denen neue Impulse anzunehmen sich derzeit so viele scheuen.

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