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„Remake, Remix, Rip-Off“, ZDF Tarzan in Istanbul

Cem Kayas Liebeserklärung an das türkische Low-Budget-Kino der 70er und 80er Jahre hält absurd komische und bitter tragische Momente parat.

12.07.2016 07:30
Von DJ Frederiksson
Special Effects mit Matchbox-Auto. Foto: ZDF und Meryem Yavuz

Vor zehn Jahren drehte der deutschtürkischer Editor, Kulturwissenschaftler und Filmemacher Cem Kaya, die wenig gesehene, aber nie vergessene Kurzfilm-Collage „Do not listen!“ Darin montierte er eine frühe, unrühmliche „Schluss mit Toleranz!“-Rede von Angela Merkel mit Szenen des Original-“Exorzisten“ und des türkischen No-Budget-Remakes „Seytan“ zusammen, so daß christliche und muslimische Geistliche gemeinsam den reaktionären Geist austreiben konnten. Zehn Jahre nach dieser cineastisch-multikulturellen Seelenreinigung (die zumindest bei Merkel offensichtlich erfolgreich verlief), macht sich Kaya mit diesem epischen Dokumentarfilm erneut um die Völkerverständigung verdient: Sein Portrait des Yesilcam-Kino bietet Komik, Tragik – und gibt ganz nebenbei profunde Einblicke in türkische Politik, Kultur und Mentalität.

Der Ausgangspunkt könnte unterhaltsamer nicht sein: Das türkische Trash-Kino der 60er, 70er und 80er hat in den Zeiten von YouTube zumindest für Kenner längst Kultstatus, und die Geschichten hinter den Kulissen sind ebenso haarsträubend und endlos wie das Trommelfeuer an Clip-Einspielungen. Die grotesken Zahlen von 500 bis 1000 Filmen, die einzelne Schauspieler bestritten haben; die täglichen Screenings mit fünftausend Zuschauern, die Kinder und Picknickproviant mitbrachten, weil das Kino die einzig erschwingliche Familienunterhaltung in der Provinz war; oder das kuriose türkische Copyright-Gesetz, das in unlizensierten Hollywood-Remakes oder sogar Filmrollen-Klau mündete. Und dann ist da natürlich noch die tapfere „Wird schon irgendwie gutgehen“-Mentalität, die sich in grotesken No-Budget-Lösungen niederschlägt, von denen selbst heutige Filmemacher noch was lernen können.

Soweit ist „Remake, Remix, Rip-Off“ nur eine der unterhaltsamsten Kinogeschichten seit Mark Hartleys -Doku „Not Quite Hollywood“, mit verschrobenen Typen, drolligen Zitaten („Ich hatte nicht mal Geld für Essen, wie hätte ich da ein Orchester bezahlen sollen?“, fragt der Filmemacher bei der Frage, warum er den „Indiana Jones“-Soundtrack von Schallplatte wiederverwertet hat) und vielen Lachern über die kitschig-trashigen Einspieler. Sicher, Kaya liefert auch in dieser ersten Hälfte schon kluge Gedanken zum türkischen Kopierkino: Ist es vergleichbar mit der mündlichen Überlieferungskultur des Geschichten-Erzählens, das immer auch ein Geschichten-Verändern ist? Wurden nicht auch in Italien und Spanien wie selbstverständlich Western gedreht? Können mythische Figuren wie Darth Vader, Rambo oder Tarzan wirklich jemandem gehören? Verfilmt nicht auch Amerika alle möglichen ausländischen Filme neu, nur um sie „einheimischer“ zu machen?

Doch was „Remake, Remix, Rip-Off“ tatsächlich zum Meisterwerk macht, ist seine zweite Hälfte, die die ernste Kehrseite dieser komödiantischen Medaille zeigt: Denn die Produktionsbedingungen der Filme waren für viele der Beteiligten lebensgefährlich – und haben sich seitdem nicht signifikant verbessert. Und hinter den ulkigen Typen mit ihren zusammengeschusterten Streifen stecken oft verbitterte Vollblut-Filmemacher, deren hehre künstlerische Ambitionen von jahrzehntelanger Militärherrschaft und Zensur vernichtet wurden. Das unrühmliche Ende des Yesilcam-Kino, als die Produktionsfirmen sich in die Hardcore-Pornographie stürzten, hinterläßt auch einen bitteren Nachgeschmack – und dann sind auch noch zigtausend Filme aus der großen Zeit des türkischen Kinos schlicht verloren und vernichtet, und keienr scheint sich darum zu kümmern. Wenn ein Regisseur berichtet, wie der einzige Film, der ihm persönlich je wichtig war, von der Zensur buchstäblich verbrannt wurde, hat man unerwartete Tränen in den Augen.

Kaya meistert diesen Schwenk von der leichten Komödie zur schwarzen Farce und schließlich zur herzergreifenden Tragödie mit erstaunlichem Elan. Man bleibt zurück mit viel neuem Wissen über die türkische Kulturgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg, mit einer bittersüßen Melancholie nach einer wirren, gefährlichen Zeit – und mit dem dringenden Bedürfnis, diese Inseln der unbändigen Kreativität, selbst auf der Leinwand erleben zu wollen – vor allem, wenn sie das reine Kopierkino klar transzendierten,. Die Filme von Cetin Inanc zum Beispiel, wo in einem Rache-Streifen plötzlich der Weiße Hai auftaucht oder in einem Ninja-Film plötzlich Zombies erscheinen, und wo jede Kameraeinstellung und jede Beleuchtungsentscheidung blanker, faszinierender Irrsinn ist. Cem Kaya, der die Liebe zu diesen Filmen spürbar selbst empfindet und brillant vermittelt, verdient auf jeden Fall Applaus für seine einfühlsame Schilderung der Komödien und Tragödien ihrer Herstellung.

„Remake, Remix, Rip-Off“, ZDF, von Montag, 11. Juli, 23.50 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

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