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„Religion, Macht und Archipele: Indonesien“ Ein Volk kann wie ein Vulkan sein

Ein Staat als Unmöglichkeit: Arte zeigt zwei Stunden abwechslungsreichen Geschichtsunterricht über Indonesien.

Indonesien
Der Vulkan Semeru, mit 3676 Meter Höhe der höchste Berg der Insel Java. Foto: Arte France

Ein Bericht über Indonesien muss damit beginnen, dass dieser Staat eigentlich eine Unmöglichkeit ist: Das Gebiet verteilt sich über rund 17 000 Inseln mit diversen Volksgruppen, Religionen, Landschaften im Indischen Ozean. Kein Wunder, dass das Mantra der „Indischen Inseln“, so die Übersetzung des Namens, Einheit ist: „Einheit in Vielfalt“ lautet die Staats-Losung. Kein Wunder auch, dass dies ein täglich umkämpftes Ziel der Regierung und der gut 255 Millionen Menschen ist.

Arte zeigt nun einen Themenabend über das Inselreich, dessen Bedeutung im Westen noch immer unterschätzt wird. Längst gehört es zu den G20-Staaten, und Film-Autor Frédéric Compain zitiert Schätzungen, denen zufolge Indonesien bis 2030 gemessen an seiner Wirtschaftskraft Rang sechs erreichen könnte. Inzwischen hat das Land dabei auch die Niederlande überholt, die es als Kolonialmacht jahrhundertelang ausbeuteten. Noch nach der Unabhängigkeitserklärung 1945 durch Sukarno versuchten die Holländer, Teile des Reichs zu behaupten, bis sie schließlich weichen mussten und Königin Juliana im Dezember 1949 Unabhängigkeitsurkunde unterzeichnete.

Sukarno gelang es mit Hilfe der fünf „Pancasila“-Prinzipen, die Humanismus, Nationalismus, Wohlfahrt und die Bindung an eine Religion forderten, über zwanzig Jahre eine relative Einheit des Landes zu schaffen. Doch 1965 wurde er vom rechtsgerichteten General Suharto entmachtet, der dann die kommunistische Partei vernichten ließ. Dabei halfen ihm die USA, die ja zur gleichen Zeit den Vietnamkrieg führten. Historiker führen aus, dass Indonesien eine so wichtige Rolle in ihrer „Domino“-Theorie spielte wie Vietnam. Suhartos vom CIA befeuerter Hetzjagd fielen wohl mehr als eine Million Menschen zum Opfer.

Woher diese „zyklisch wiederkehrende“ Lust an Gewalt komme, fragt Autor Compain. Vielleicht kann man, wenn man ein grobes Bild gebrauchen will, das Volk mit seinen Vulkanen – Merapi, Semeru, Krakatau oder Gunung Agung – vergleichen. Im Film wird erwähnt, dass es bisweilen nach deren großen Ausbrüchen politische Veränderungen gab. Auch waren die Indonesier immer wieder zu blutigen Eruptionen fähig, wie Ereignisse wie die Massaker auf Ost-Timor oder der Massenselbstmord 1906 auf Bali als Protest gegen die niederländischen Invasoren zeigten.

Kritische Betrachtungen

Sowohl den Kolonisatoren als auch den politisch Verantwortlichen Indonesiens selbst gegenüber lässt es der Autor nicht an kritischer Betrachtung fehlen. Seine Geschichtsunterricht, mit Originalaufnahmen aus der Nachkriegszeit gespickt, lässt immer wieder Zeitzeugen und Wissenschaftler zu Wort kommen. So formuliert ein Künstler, die 31 Jahre unter Suharto seien eine „bleierne Zeit“ gewesen; der Alleinherrscher habe wie ein Imitator Mussolinis agiert. Wer in den 80ern, 90ern im Land war, konnte eher bedrückte Menschen erleben, die sich quasi unter den „Pancasila“-Tafeln duckten, die ein Zeichen der Diktatur geworden waren.

Doch selbst Suharto musste 1998 weichen, wobei wieder westliche Mächte mitredeten; vor allem die Wirtschaftslage infolge der weltweiten Finanzkrise war ausschlaggebend. Und wenn auch der Diktator ungestraft davon kam: Indonesien machte sich auf in die Demokratie. Dabei kam dem Land zugute, dass die Religionsausübung nicht unterdrückt wurde. Schon Sukarno hatte verhindert, dass der Islam, dem die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung anhängt, Staatsreligion wurde. So werden die Balinesen zwar von javanischer (muslimischer) Verwaltung dominiert, dürfen aber ihren Hinduismus weiter leben. Heute betonen führende Politiker gerne, dass der Islam in Indonesien tolerant sei – trotz der Attentate auf Bali; der Film gibt die Einschätzung wieder, dass es verschwindend wenige gewaltbereite Islamisten im Land gebe. Doch haben die Aceh im Norden Sumatras eine Teilautonomie mitsamt Einführung der Scharia erreicht.

Die historisch gewachsene Toleranz sowie die aufblühende Wirtschaftskraft des Landes könnten vielleicht eine weitere Radikalisierung verhindern – vorausgesetzt, der Wohlstand erreicht die unteren Schichten. Das bezweifeln Gewerkschafter wie Said Iqbal oder Vertreter der jungen Künstler-Avantgarde allerdings. Derzeit holt Indonesien im Wettbewerb mit China auf und profitiert von seinen starken Exporten. Die bergen ebenfalls Konflikte, wie beim Palmöl, bei dem das Land weltweit führender Exporteur ist und dafür die Natur auf Sumatra oder Borneo rücksichtslos zerstört. Das wird bei Compain sträflicherweise nur gestreift, wie überhaupt die Gegenwart in den zwei Stunden Film zu kurz kommt.

Dabei bleibt es das Verdienst dieser faktenreichen Dokumentation, ein wenn auch verdichtetes wie lückenhaftes, so doch informatives Bild eines Landes gezeigt zu haben, das sich schwer erfassen lässt – so wie es Indonesiens Schicksal bleibt, zwischen Chaos und Ruhephasen zurechtkommen zu müssen. Dafür sorgen schon die Vulkane.

„Religion, Macht und Archipele: Indonesien“, Arte, ab 20.15 Uhr.

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