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„Rätsel der Steinzeit“, Arte Menschheitsgeschichte ist Migrationsgeschichte

Arte zeichnet mit einem zweiteiligen Dokumentarfilm eine wichtige Epoche bei der Entwicklung unserer Gattung nach.

Rätsel der Steinzeit
Bei den Steinreihen von Carnac handelt es sich um ursprünglich über 3.000 Menhire aus Granitgestein der Bretagne. Foto: Arte/Toni Nemeth

Die so genannte neolithische Revolution war ein prähistorischer Vorgang, der sich über Jahrtausende hin zog, der an weit auseinander liegenden Orten parallel oder höchst ungleichzeitig geschah und überall unterschiedliche Ergebnisse zeitigte. Was da alles geschah und was für Zeiträume dafür nötig waren, gehört zum riesigen Komplex der Rätsel der Steinzeit, mit denen sich Barbara Fally-Puskás in ihrer zweiteiligen Dokumentation beschäftigt.

Immerhin gibt es einige Dinge, die fest stehen und die als allgemeine Daten Aussagekraft für die erstaunliche Entwicklung unserer Gattung haben.

Zunächst aber müssen alle Identitären jetzt mal kurz ganz stark und tolerant sein, denn die erste und allgemeinste Erkenntnis einer multidisziplinären Erforschung ferner, also prähistorischer Vergangenheiten ist:  Menschheitsgeschichte ist Migrationsgeschichte. Nie ist es über einen nennenswerten Zeitraum hinweg geschehen, dass Menschengruppen am gleichen Ort verharrten. Und die einschneidendsten kulturellen und technischen Entwicklungen kamen in der Regel von außerhalb, als Anregung aus der Fremde, in Form von Übernahme und Aneignung anderswo entstandener Fähigkeiten.

Schade, oder?

Der zweite harte Schlag kommt gleich danach: Die neolithische Revolution – kurz zusammengefasst: Sesshaftwerdung, Intensivierung der Landwirtschaft, Entwicklung monumentaler Architektur und sakraler Strukturierung von Landschaft – ist offenbar aus Anatolien gen Westeuropa gekommen. Und nicht mit blonden, blauäugigen Menschen aus dem Norden. Genomforschung beseitigte die letzten begründbaren Zweifel. Die neolithische Revolution aber ist, langfristig betrachtet, der Ursprung unserer heutigen, nicht immer rundherum erfreulichen Kultur und Politik und Technik.

Vor der so genannten neolithischen Revolution waren Menschen Jäger und Nomaden. Sie blieben es in weiten Teilen der Welt auch noch eine ganze Weile, denn die neolithische Revolution breitete sich nicht als neues Lebenskonzept anhand einer Überlieferung aus, sondern in Form von Migration und – möglicherweise – Eroberung.

Die neue Zeit kam mit neuen Menschen. Sie entwickelten Landwirtschaft und ermöglichten damit Sesshaftigkeit und soziale Verdichtung. Beides scheinen Voraussetzungen zu sein für die Entstehung großer Stein-Architekturen. Damit sind weniger die ägyptischen Pyramiden gemeint als vielmehr die – viel älteren – Steinsetzungen in der Bretagne, an der Atlantikküste, auf den Britischen Inseln und im Mittelmeerraum. Und es scheint, als sei das Bedürfnis nach Monumentalität eines, das sich in Stein-Architekturen sehr früh zeigte. 

Barbara Fally-Puskás nutzt für ihre Dokumentation die Forschungen mehrerer Gruppen von Wissenschaftlern. Übereinstimmend kommen sie zu der Erkenntnis, dass die neolithische Revolution vom heute anatolisch-iranischen Raum ihren Ausgang nahm und sich von dort in zwei streng getrennte Richtungen entwickelte. Und es scheint, dass sich auch der internationale Handel als Folge dieses Prozesses sehr früh schon herausbildete.

Versuche, schwere Steine mit archaischen technischen Mitteln zu transportieren; Erkenntnisse über einen Klimawandel vor etwa 8000 Jahren; experimentelle Verwendung alter Werkzeuge und kleine Exkurse über die Entstehung von Bildender Kunst geben der Geschichte etwas Lebendiges. Als ihr wichtiges Substrat jedoch muss die Erkenntnis gelten, dass die Menschheit immer in Bewegung war und dass sie ohne diese Bewegung nicht das geworden wäre, was sie heute ist. Was immer man davon hält.

 

 

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