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„Rabiat – Hass ist ihr Hobby“, ARD „Das ist kein Kinderkram“

In der Dokumentarfilm-Reihe „Rabiat“ spürt die ARD diesmal den Verursachern von Aggression und Gewalt im Netz nach.

Rabiat:
Rabiat-Reporter Dennis Leiffels vor dem Haus des „Drachenlords“ Foto: Radio Bremen

Alliterationen gelten zwar als geeignet, Aufmerksamkeit für einen Titel zu erhöhen, sind aber bisweilen Glückssache. „Hass“ mit „Hobby“ zu kombinieren, verkennt jedenfalls, dass letzteres eher positiv besetzt ist. Schlimmer: Was Autor Dennis Leiffels in seinem Film von denen hört, die Hetze und Beleidigungen im Netz verbreiten, ist in der Regel verharmlosend und wird von diesen „Hatern“ selbst auch mal als „Hobby“ bezeichnet. Das ist es aber nicht, sondern meistens kriminell.

Leiffels hat sich fünf Jahre lang mit den Dreckschleudern im Internet beschäftigt und nun für die ARD-Reihe „Rabiat“ einen 45 Minuten langen Film gedreht. Er nimmt das Schicksal eines als „Drachenlord“ im Netz präsenten jungen Mannes als Ausgangspunkt. Denn dem Unglücksraben in einem fränkischen Weiler wird seit Jahren übel mitgespielt. Er wird von anderen verhöhnt, seine privaten Umstände werden öffentlich gemacht, ja einige Minderbemittelte, was Scham, Respekt und Intelligenz angeht, fahren eigens in das Dorf, um die virtuellen Schikanen auch analog fortzusetzen. Um den Mann habe sich im Internet „eine unendliche Parallelwelt gebildet“, hat Leiffels erfahren. Denn Nachbarn und andere Dorfbewohner werden in Mitleidenschaft gezogen.

Das Opfer der Aggressionen scheint psychisch nicht unbedingt gefestigt zu sein – kein Wunder. Doch Leiffels offenbart hier wie auch bei anderen Gesprächspartnern ein rätselhaftes Versäumnis: Er stellt nicht die naheliegenden Frage: Warum hört der Mann nicht auf, löscht seine Existenz im Netz?

Umgekehrt fragt er einen dieser „Hater“, den er real treffen kann, nicht nach dessen Ausfällen bei „Siff-Twitter“. Denn als „Dorian der Übermensch“ hatte sich der Mann an den Beleidigungen des Drachenlords beteiligt und stottert nun herum: „Das war halt amüsant, lustig...“ Seine Art von Humor wird auch anders erkennbar. Er firmierte bei Twitter unter dem Namen „Free Breivik“, und postete auch schon mal solche Ungeheuerlichkeiten wie „Schwule sind keine Menschen“. Im Gespräch erklärt er das zur Vergangenheit, heute gehe es ihm um „Diskurs“. Es wird immerhin erkennbar, dass dieser „Dorian“ ein fast genauso armes Würstchen ist wie sein Opfer.

Ein IT-Fachmann beobachtet das finstere Treiben per Netzwerk-Visualisierung. Er hat festgestellt: Das seien „normale Menschen“. Das ist die vielleicht deprimierendste Aussage des Films. Wenn die meisten derer, die ihren Unrat ins Netz und über andere auskippen, „normale Menschen“ sind, muss es schlimm bestellt sein um die Gesellschaft. 

Leiffels, der gemäß dem Presenter-Prinzip dauernd im Bild ist, begibt sich selbst wagemutig in die Parallelwelt, indem er sich in das „Drachengame“ einklinkt – und binnen kurzer Zeit mehr als tausend beleidigende Nachrichten bekommt. Er trifft einen der Absender und erfährt, dass es ihm Befriedigung verschaffe, andere zu demütigen; da offenbart sich ein Gestörter, ein Fall für den Psychiater – aber auch für die Polizei.

Der zuständige Staatsanwalt rät zur Anzeige und gibt sich optimistisch: Im Internet sei man nicht so anonym, wie viele glaubten: „Das ist kein Kinderkram.“ Der Fall eines 24-Jährigen wird erwähnt, der, ebenfalls im „Drachengame“ beteiligt, mit Kreditkarten Betrug begangen hatte und zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Die von Leiffels angestoßene Ermittlung aber wird erwartungsgemäß eingestellt. Der Autor schließt aus seinen Erfahrungen: „Wenn man in Deutschland Cybermobbing  betreibt, dann können die Täter sicher sein: Ihnen passiert nichts.“

Da wirkt es reichlich naiv, wenn Leiffels zugleich fordert, man müsse mehr über Werte und Respekt im Internet reden. Die einzige wirksame Lösung hatte einer der von ihm befragten Hater verraten: Dessen größtes Problem sei es, wenn die Zielpersonen nicht reagierten. Und einer der bedeutenden Internet-Wissenschaftler, Jaron Lanier, einst ein Propagandist des Internet, hatte jüngst  nach den Erfahrungen mit dem Datendieben von Facebook die Botschaft verkündet: Raus aus den sozialen Netzwerken! Abschalten!

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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