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„Prager Frühling und die Deutschen“, ZDFinfo „Kommt man so zu Freunden?“

Michael Kloft schildert in seinem Dokumentarfilm, wie Menschen beiderseits des „Eisernen Vorhangs“ die Invasion in die Tschechoslowakei am 21. August vor 50 Jahren erlebten.

Der Prager Frühling und die Deutschen
50 Jahre nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts rekonstruiert die Dokumentation die Tage in Prag, die Weltgeschichte geschrieben haben. Foto: ZDF/AFP

Für uns Schüler, gerade 18, war das der Beweis. Die Eltern hatten doch recht, wenn sie bei den Erzählungen vom Krieg immer „den Russen“ als den Schrecken schlechthin  bezeichneten. „Der Russe“ war für sie so brutal wie unzivilisiert, ein Monstrum aus dem Osten. Und jetzt bestätigte der sowjetische Überfall auf die Tschechoslowakei dieses Feindbild. Die Soldaten hätten ja noch nicht mal gewusst, wo sie waren, wurde kolportiert bei den Berichten im Radio. Und die Bilder im Fernsehen zeigten verdutzte Panzerfahrer, denen man offenbar erzählt hatte, sie würden die Bevölkerung in Prag und Bratislava befreien. Stattdessen riefen ihnen empörte Studenten zu: „Kommt man so zu Freunden?“

Michael Kloft schildert in seinem Dokumentarfilm „Der Prager Frühling und die Deutschen – Vom Traum zu Trauma“, wie einige Zeitzeugen sowohl diesseits wie jenseits des „Eisernen Vorhangs“ den „Prager Frühling“ erlebten: Den Aufstieg des Reformers Alexander Dubcek habe der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew zunächst akzeptiert, sodass sich der vordem stalinhörige Staat Neuem öffnen konnte. Der Ost-Berliner Toni Krahl, damals 18 und öfter zu Besuch im Nachbarland, erlebte eine für ihn bis dato „unvorstellbare Freiheit“.

Bei desillusionierten Tschechen begann der Exodus

Die Entwicklung blieb im Westen nicht unbemerkt, wo vor allem die Jugend gegen die Altvorderen und die erstarrten Verhältnisse rebellierte. Ihr prominentester Vertreter wollte denn auch wissen, wie es sich in dieser aufkeimenden Form eines neuen realen Sozialismus lebte. Doch Rudi Dutschke stieß mit seinen Vorstellungen in Prag auf wenig Gegenliebe, berichtet Dana Horáková, damals Studentin: Sie und ihre Kommilitonen hatten genug vom Sozialismus, auch von dem, den der Westdeutsche propagierte; der Dialog sei „wie ein Gespräch unter Schwerhörigen“ gewesen: eine interessante, wenig bekannte Anekdote.

Während der junge Toni Kahl auf ein „Überschwappen“ des tschechischen Aufbruchs hoffte, befürchtete sein Staatschef Walter Ulbricht, es könnten „faule Eier“ importiert werden und drängte Bruder Breschnew, dem Treiben Dubceks Einhalt zu gebieten. Doch der ließ den Reformer gewähren, den Klofts Film als recht unnachgiebig  in der Auseinandersetzung mit den Sowjets schildert. Das Bild, das Historikerin Susanne Schattenberg vom mächtigsten Mann im Kreml schildert, ist dagegen für einen im Kalten Krieg groß gewordenen Westdeutschen überraschend positiv. Der sowjetische Politbüro-Chef habe sich bei der entscheidenden Begegnung krank gemeldet und Dubcek zum Vier-Augen-Gespräch in seinem Zugabteil gar im Pyjama empfangen.

Aber als Alexander Dubcek sich weigerte, seinen Weg als Irrweg zu denunzieren, entschieden die Russen, auch auf Drängen der DDR-Führung, die „Errungenschaften des Sozialismus zu verteidigen“ und marschierten am frühen Morgen des 21. August 1968 in Prag ein. „Was machst Du hier?“ habe sie auf der Straße einen russischen Soldaten angeblafft, erzählt Dana Horáková.

Die nationale Volksarmee der DDR, vorher noch bei dem die Invasion vorbereitenden Manöver beteiligt,  blieb übrigens beim Einmarsch außen vor – eine nicht ganz unwichtige Information. Es erschien dem Politbüro in Moskau vielleicht doch nicht ratsam, 30 Jahre nach Hitlers Okkupation erneut  deutsche Soldaten nach Prag zu schicken. Und Dubcek wurde nicht liquidiert, wie noch zehn Jahre zuvor Imre Nagy, Ungarns Leitfigur des Volksaufstands von 1956, sondern nach seinem erzwungenen Rücktritt für kurze Zeit Botschafter in der Türkei, nach seinem Parteiausschluss aber Forstarbeiter.

Bei den desillusionierten Tschechen begann der Exodus. Dana Horáková wurde viele Jahre später in Hamburg Kultursenatorin. Milan Horácek (nicht im Film), später Gründungsmitglied der Grünen, ging nach Westdeutschland. Toni Kahl, vom Geist der Freiheit infiziert, wollte vor der Botschaft der UdSSR in Berlin protestieren. Aber die Polizei verjagte ihn. Und während wir Schüler im Westen gegen die Erhöhung der Fahrpreise bei Bussen und Straßenbahnen demonstrierten, wurde der junge Ostberliner für seinen Versuch, das gleiche demokratische Recht in Anspruch zu nehmen, zu drei Jahren Haft verurteilt.

„Der Russe“ aber wurde 20 Jahre später zu einem Freund für die westliche Welt und insbesondere Deutschland: In Gestalt von Michael Gorbatschow, der die Öffnung, Umwandlung und letztlich auch das Ende der Sowjetunion in die Wege leitete. Und Alexander Dubcek wurde nach der „samtenen Revolution“ in der Tschchoslowakei rehabilitiert.

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