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Polizeiruf, ARD Im Büro besser nicht reden

Wie das Gute ebenso wie das Böse Schwächen ausnutzt, zeigt ein herausragender Meuffels-Polizeiruf.

Polizeiruf 110
Farim Koban (Jasper Engelhardt) neben Hauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt). Foto: BR/Bildarchiv

Das Schaurige am 14. und vorletzten Fall von Hanns von Meuffels, Matthias Brandt, ist nicht so sehr die Rolle des Verfassungsschutzes, obwohl Joachim Król ihm als Personifikation machtgeschützter, unangreifbarer Dummheit, Arroganz und Gewalttätigkeit eine unvergesslich böse Gestalt gibt. Er macht das, wie die meisten Figuren in diesem von Jan Bonny inszenierten Polizeiruf „Das Gespenst der Freiheit“, posenfrei. Es wirkt, als ließe er in einem Akt schauspielerischer Genialität die berühmte Królsche Empfindlichkeit einfach ins Leere kippen.

Jetzt steht da ein weichlich lächelnder Typ, dem alles dermaßen wurscht ist, dass sein Handlungsspielraum monströs groß wird. „Eines Tages wird Ihnen das alles um die Ohren fliegen“, sagt man als vernünftiger Mensch zum Vorgesetzten eines solchen Verfassungsschutzmitarbeiters. „Ach Gottelchen“, liest man allenthalben im Gesicht des Verfassungsschutzmitarbeiters.

Das Schaurigere an diesem extrem konzentrierten Film ist aber, dass Hanns von Meuffels zu seinem Kollegen Ayhan Ischinger sagt: „Lass uns mal im Büro nicht so über den Fall reden.“ Er will nicht, sagt er, dass „die Rechten“ was mitbekommen, die Rechten bei der Münchner Kriminalpolizei. Er regt sich nicht sehr auf, er fühlt sich auch keineswegs wie in der Weimarer Republik, während sich die Zuschauenden möglicherweise doch sehr erschrecken.

Denn er sieht auch keine Gespenster und die Freiheit seiner Ermittlungen – um den Titel noch einmal aufzugreifen – hält sich in Grenzen. „Heil Hitler“, sagt er, inzwischen gereizt, zum Staatsanwalt, der seine Ermittlungen unterläuft. „Ist doch Scheiße“, sagt er auch, während er mit der Zähigkeit von Berufstätigen, die nicht nach Hause müssen, und dem überraschend langen Atem von Menschen, die zwischendurch eine rauchen, versucht, trotzdem herauszufinden, was vor Beginn des Polizeirufs passiert ist. 

Ein Mädchen wird in einer Unterführung belästigt und mit einem Messer bedroht. Eine Gruppe Neonazis springt wie von ungefähr dazu und schlägt den jungen Syrer tot, der das getan hat. Getan haben soll.

Die ersten, sofort intensiven Minuten des Films zeigen Meuffels, wie er mit dem Mädchen, Ricarda Seifried, spricht. Das Sich-Zurechtfinden überlässt Bonny bereits hier vollständig uns. Täter- und Opferrolle sind teils glasklar, teils nicht. Unter den Neonazis ist ein einsamer Iraner (Jasper Engelhardt), ein Hemd, ein Kind, und sowohl Meuffels als auch der Verfassungsschutzmitarbeiter wissen instinktiv, dass sie da ansetzen können. Bilderbuchhafter ist Christian Eidt als Oberneonazi, die Gruppe insgesamt ist ein klassischer Verlierertrupp.

Verlierer sind gefährlich. Man hört es, wenn aufgezählt wird, welche Verletzungen der Syrer hatte (jemanden tot zu schlagen, das klingt kompakt, aber dem ist nicht so). Man sieht es, wenn der Verlierertrupp einen weiteren Mord begeht. Es ist schwierig, gemeinsam zu morden. Es erfordert eine Menge Feigheit, Stumpfsinn und Anpassung seitens der Mörder, eine unerwartete Verbindung, die Bonny Tarantino-haft, wenn auch aus einem Stück Entfernung beobachtet.

Auch hier, im Grunde permanent zeigt sich sein vorzüglicher Sinn für Rhythmus. Er hat alle Zeit der Welt, dann wieder geht es ökonomisch geschwind voran. Keinen Moment vergibt er an zusätzliche Erläuterungen oder Wiederholungen (der Kommissar auf dem Weg zum nächsten Verhör: „Jetzt müssen wir unbedingt herausfinden, ob …“). Dass das im Fernsehkrimi gewagt wirkt – im Kino, auf der Bühne ist es doch selbstverständlich –, dokumentiert aber eigentlich nur das geringe Zutrauen, das in vielen Redaktionen gegenüber der Kombinationsfähigkeit des Publikums besteht.

Aber nicht beim BR, wie Polizeiruf und Tatort regelmäßig vermitteln. Unangenehm der leise Gedanke, dass die furchtsamen Sender recht haben könnten. 

Während man sich jedenfalls vorführen lässt, wie das Gute ebenso wie das Böse Schwächen ausnutzt, auch bereit ist, einen Menschen zu zermahlen, begreift man, wie fabelhaft allein Bonny das Publikum damit lassen wird. Der übrigens ein Drehbuch „nach einer Idee von Günter Schütter“ verwendet, also ein von ihm erheblich weiterentwickeltes, überhaupt entwickeltes.

Eine aparte, nicht so leicht auf alle Fälle übertragbare Sprachregelung („nach einer Idee von Fjodor Dostojewski“?) in der Debatte um Regiehörigkeit, zu der man – sollte sie hier gewaltet haben – diesem Polizeiruf nur gratulieren kann.  

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