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Polizeiruf 110 Mister Marple und die soziale Katastrophe

Der Münchner Polizeiruf „Nachtdienst“ führt Hauptkommissar Meuffels in die Abgründe eines Altenheims. Die TV-Kritik zum Sonntag.

Polizeiruf 110
Gentleman Meuffels mit der dementen Dame, die ihr Taxi nicht bezahlen konnte. Foto: BR/die film gmbh/Hendrik Heiden

Die Nacht ist für den Menschen auch bei elektrischer Beleuchtung ein gefährlicher Raum, in dem er sich schlecht zurechtfindet, während ihn zugleich erhöhte Empfindsamkeit plagt. Er ist müde auf diese unangenehme Kugelrunde-offene-Augen-Art müde und als Mann schon überraschend bald schlecht rasiert. Eine Nacht, ein Krimi, das ist eine einfache Rechnung, die immer mal wieder aufgemacht wird, jetzt im Münchner Polizeiruf „Nachtdienst“.

Hanns von Meuffels, Matthias Brandt, der wie immer vor der Tür steht, weil er eine raucht, bekommt knapp nach Feierabend also zufällig mit, wie eine verstörte Dame in Nachtbekleidung ihr Taxi nicht bezahlen kann. Außerdem will sie einen Mord melden. Sie ist dement, das wird rasch klar. Die Höflichkeit, mit der der Hauptkommissar darüber hinwegsieht, steht dem Gentleman gut, wenn sie auch nicht zu hundert Prozent adäquat ist.

Allerdings scheint ihm das Drehbuch von Ariela Bogenberger und Astrid Ströher bald recht zu geben. Im Altenheim klebt Blut an einem Bild und dass das Blut nachher weg ist, macht es noch verdächtiger. Und auch Miss-Marple-hafter, denn obwohl „Nachtdienst“ zu den dunklen Sonntagabend-Krimis gehört, hat die Handlungsablauf selbst eine possierliche Seite: Ein Kontrast, der ein eigenartiges Gefälle zwischen abgrundtief tragischer Situation und polizeilicher Ermittlungsarbeit entstehen lässt. Es dürfte aber so geplant gewesen sein, jedenfalls macht die Regie von Rainer Kaufmann so viel wie möglich draus. Bilder, die einerseits ruhig und arglos wirken, andererseits den Wunsch nach Übersicht und einem genaueren Hinschauen unterlaufen, schicken den Ermittler Meuffels in einen Alptraum. Dort liegt das Lächerliche und Entsetzliche auch diesmal dicht beieinander.

Tatsächlich gibt es eine Leiche, aber keinem im Heim und auf dem Präsidium fällt es leicht, sich bei einem so alten Mann auf die Mordtheorie einer dementen 80-Jährigen einzulassen. Die demente Dame, sehr klug, sehr informiert und entsprechend maßvoll gespielt von Elisabeth Schwarz, ist aber besser im Bilde, als die Polizei dachte. Bogenberger und Ströher legen ihr übrigens Sätze in den Mund, die zeigen, dass auch sie sich kundig gemacht haben. Der zutrauliche, zugleich engagierte und leichtsinnige Meuffels lässt zunächst die Kollegen mit dem großen Besteck antanzen. Als sie wieder abziehen, bleibt der Hauptkommissar einfach mal da.

Man will ihn hier nicht, aber man schmeißt ihn auch nicht raus. Alles ist ganz unwahrscheinlich (Alptraum!), aber zugleich gibt „Nachtdienst“ einen düsteren Einblick in das Leben und Sterben in einem weniger kostspieligen Heim. Die Nachtschicht zu dünn besetzt, das Personal psychisch und physisch angefasst, die Bewohnerinnen und Bewohner alleingelassen in ihrer Not. Trotzdem ist „Nachtdienst“ eher neugierig als in die Tiefe schürfend. Das entspricht dem Vorgehen Meuffels. Aus dem Rückblick betrachtet kann man nur den Kopf darüber schütteln, wie er hier stochert, dort spekuliert, das überforderte Pflegepersonal bei der Arbeit stört und gewissermaßen Arges in Gang setzt.

In seinem 13. Fall umweht Meuffels die Melancholie des Abschieds, die auch bei den Fällen 1 bis 12 spürbar war, jetzt aber Hand und Fuß hat, da Brandt angekündigt hat, aufhören zu wollen. Noch weiß man nicht, wann genau. In „Nachtdienst“ sieht er beziehungsweise Meuffels sich schon einmal als alten Mann in Frotteebademantel. Vielleicht ist es diese dünne Schicht Selbstironie, die über „Nachtdienst“ liegt, mit dem man in diesem Zusammenhang nicht unbedingt zurechtkommt. Ein Polizeiruf, in dem Warte und Horizont des Betrachters besonders gefragt und am Urteil beteiligt sein werden.

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