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Polizeiruf 110 „Crash“ Arme Würstchen und Würstchen

Der MDR-Polizeiruf „Crash“ aus Magdeburg erzählt von dummen Männern in schnellen Autos.

Polizeiruf 110: Crash
Selbstgefährdender Moment mit Ben Becker und Anton von Lucke (r.). Foto: Stefan Erhard/filmpool fiction/MDR

Der Polizeiruf „Crash“ aus Magdeburg erinnert daran, dass es am Ende, ganz am Ende doch Winter werden wird. Wer vergessen hat, wie das aussieht, schaut mit noch trüberen Vorahnungen auf die regenglänzenden Straßen der entlaubten und entfärbten Stadt, in der Wolfgang Stauch (Buch) und Thorsten C. Fischer (Regie) das Unheil zunächst mit jener Gleichzeitigkeit von Ruhe und Raserei nahen lassen, die Kriminalfälle im Fernsehen und entfernte Autos sich teilen. Menschen gehen friedfertig herum, aber jault da nicht ein Motor? 

Die Tote, eine junge Frau, die gute Laune hatte, scheint ein Zufallsopfer (entsetzliches Wort) zu sein, aber natürlich verhält es sich verwickelter. In den Blick gerät die Magdeburger Raserszene mit ihren illegalen Rennen, ein Häufchen entsprechend geistig und psychisch eingeschränkter Männer, die ihr Leben schwerlich im Griff haben und umso mehr Wert auf ihre Autos legen. Damit das Drehbuch nicht aus den Fugen gerät, konzentriert sich „Crash“ auf eine handverlesene Auswahl besonders bescheidener Typen, angeführt von Dirk Borchardt. Zusammen mit Gerdy Zint, Anton von Lucke, Dennis Mojen und Jeff Wilbusch bietet er eine womöglich zu exemplarische, jedenfalls verständliche Palette der zu Dummen, Armen, Reichen und / oder Unausgelasteten. Gleichwohl hätte man aus dem Themenbereich Mann und Auto vermutlich mehr machen können (erst recht, wenn man sieht, wie hingebungsvoll Borchardt und Zint die aus der Zeit gefallenen Macker spielen). An dieser Stelle begnügt sich „Crash“ mit Krimiroutine. 
Ein Polizeiruf aber unter vielen Männern: Es wird gegockelt, gedroht, gejammert, gehandelt. Gehandelt im Sinne von: gedealt. Sympathisch, wie  der Autokult an den Unbeteiligten vorbeirauscht, kein Auge glitzert, und wenn Kommissarin Brasch sich für PS interessiert, dann nur, um die Verfolgung aufnehmen zu können. 

Polizeiruf 110: Woher die neuen Wessis kommen

Denn das in ihrem vierten gemeinsamen Fall wie immer leicht gereizte, unaufdringlich inkompatible Duo Brasch und Köhler, Claudia Michelsen und Matthias Matschke, hat – quasi wie wir alle – unterschiedliche Vorstellungen zum weiteren Vorgehen. Köhler setzt den Hebel im Formalen an, so dass es zu einer eleganten, kühlen Verbal-Schießerei kommt. Brasch greift zur Gewalt gegen Sachen (ebenfalls schön anzusehen) und will die Raser bei frischer Tat ertappen. Ihnen also hinterher. Die Raser rasen zwar, sonst ist aber nicht so viel mit ihnen los. Brasch – beraten und umflirtet vom Psychologen Wilke, Steven Scharf – und Köhler gehen auf die Suche nach dem schwächsten Glied. Es findet sich. Zwischendurch (im normal schnellen Auto) bleibt Zeit, über den Unterschied zwischen einem Atheisten und einem Agnostiker zu sprechen. Ungewöhnlich am Sonntagabend.

Platz eigener Art bekommt der Vater der Toten, den Ben Becker bemerkenswert zurückhaltend aus tiefsten Tiefen brodeln lässt. Vieles in „Crash“ bleibt ungesprochen, auch vieles, was die Tote betrifft. Dann wieder blickt man mit der Kamera auf die niedlichen Würstchenbrote, die sie als Bäckereifachkraft entwickelt hat. „Geht bei den kleinen Jungs wie Hölle“, sagt die eben noch mürrische Chefin versonnen. 

„Die Dresdener sind die neuen Wessis“, das erfährt man noch beiläufig in diesem Film, der Charme im Detail bietet.

„Polizeiruf 110: Crash“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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