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„Polizeiruf 110“, ARD Ist es eine Verschwörung?

Ein großartiger, verunsichernder „Polizeiruf 110“ aus München: Der Sonntagabendkrimi macht es einem schwer, nicht zum Verschwörungstheoretiker zu werden.

Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) fühlt sich zunehmend beobachtet. Foto: dpa

Der Fall Gustl Mollath scheint Holger Karsten Schmidt inspiriert zu haben, der das Drehbuch schrieb für den neuen München-Polizeiruf „Sumpfgebiete“. Hier liegen die betreffenden Gebiete nicht nur auf Konten und in Bankschließfächern, auch Ärzte, Politiker, Fahnder stehen möglicherweise knietief im Morast. Aber morden sie deswegen auch? Es ist jedenfalls ein Sonntagabendkrimi, der es einem schwer macht, an der Seite von Hanns von Meuffels – der unwiderstehlich überzeugende Matthias Brandt – nicht zum Verschwörungstheoretiker zu werden.

Vor fünf Jahren hat Meuffels Julia Wendt verhaftet, nachdem sie ihren Mann angezündet und schwer verletzt hatte. Sie bestand darauf, dass es eine Liste mit prominenten Steuersündern gebe, dass ihr Mann geholfen habe beim Betrug. Julia Wendt landete in der Psychiatrie. Gerade kam sie wieder raus, gab eine drohende Pressekonferenz, fühlt sich verfolgt und sucht Hilfe ausgerechnet bei Meuffels. Das muss man nicht glaubwürdig finden, allerdings spielt es im Folgenden keine Rolle mehr. Denn nachdem Wendt vor seinen Augen überfahren wird, kommt dem Hauptkommissar mehr als ein Zweifel. Und bald fühlt er sich überwacht.

Er bohrt ein bisschen hier – doch, sagt der Finanzbeamte, er wurde damals abrupt zurückgepfiffen –, er bohrt ein bisschen dort – ach, es gab einen Brand in der Behörde, da verbrannten leider einige Akten – und glaubt bald selbst, dass es sowohl die Liste gibt, die Julia Wendt nun an die Presse geben wollte, als auch die scheinbar unter Verfolgungswahn Leidende tatsächlich verfolgt wurde.

Diese „Sumpfgebiete“ sind, auch dank der feinen, immer wieder Zweifel säenden Regie Hermine Huntgeburths, zurecht ein unübersichtliches Feld. „Sie denken, ich spinne“, sagt Julia Wendt (eine herbe und verhärmte Judith Engels), ganz realistisch. Einen Moment später schon liegt sie in Meuffels’ Arm und fragt wie ein Kind: „Muss ich sterben jetzt?“ „Ja“, sagt Meuffels. „Ich will aber nicht“, sagt sie. Es kommen die Nächte, in denen Meuffels alpträumt, dass sie vor seiner Türe steht, das Auge blutig.

Bald fragt man sich, wer auf wessen Seite steht und wem man als Zuschauer noch trauen kann. Ist der Handwerker in Meuffels Wohnung mit seinem ominösen „Durchbruch“ wirklich nur ein Handwerker? Warum kommt eine Überwacherin aus dem Haus gegenüber seinem (gerade überwachte sie noch in seinem Auftrag)? Spielt sogar die Angestellte am Hotelempfang mit im fiesen Spiel, kann das sein? Warum mischt sich das LKA ein mit Zuckerbrot und Peitsche? Meint es der Vorgesetzte Beck, Ulrich Noethen schillernd jovial, wirklich gut mit Meuffels? „Die hat ihrn eigne Mo anzundn“, führt er vernünftig gegen Wendt an. „Bitte?“, sagt der Preuße Meuffels. „Sacklzement“, sagt da der Chef, „muss es glei a Verschwörung sein?“ Muss es? Ist es?

Natürlich versucht der aufrechte Hauptkommissar, die Wahrheit zu finden. Und erringt manch kleinen Sieg. „Sumpfgebiete“ ist trotzdem ein gehörig dunkler, trügerischer Film. Er führt aufs Glatteis, er lässt die Dialoge funkeln, lässt Raum außerdem für viele Zwischentöne, auch ironische. Da steht Meuffels am Fenster des Chefbüros, draußen ist Nacht, und sagt: „…wollte nur mal so bedeutungsschwer aus dem Fenster gucken, geht aber nicht“. Mag ja sein, aber es geht schon verdammt viel in diesem großartigen, verunsichernden „Polizeiruf 110“ aus München.

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