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"Petra, Schönheit im Felsmassiv", Arte Araber nur auf dem Kamel

Ein Arte-Dokumentarfilm über die Felsenstadt Petra in Jordanien offenbart die Borniertheit des westlich geprägten Blicks

25.06.2016 08:46
Irit Neidhardt
Die geheimnisvolle Felsenstadt Petra ist eine der grandiosesten und faszinierendsten Stätten der Antike. Foto: ZED/Arte France

Die in Jordanien gelegene nabatäische Felsenstadt Petra gehört seit 1985 zum Unesco-Weltkulturerbe und wurde im Sommer 2007 in die Liste der neuen Sieben Weltwunder aufgenommen. Den Reiz von Petra macht seine Totenstadt aus, deren Gräber in die mächtigen roten Felsen gehauen und mit großartigen Portalen geschmückt sind.

Als die Stadt im 19. Jahrhundert von europäischen Forschungsreisenden entdeckt wurde, sei sie zunächst ein einziges Rätsel gewesen. Die fast 2000-jährige Architektur sei so hoch entwickelt wie die der großen Baudenkmäler Roms oder Alexandriens, aber die Zivilisation, die sie hervorgebracht hat, habe man nicht gekannt, so die Erzählstimme der Folge „Petra, Schönheit im Felsmassiv“ der Arte-Reihe „Denkmäler der Ewigkeit“.

Um zu erfahren, was es mit den reich verzierten Höhleneingängen auf sich hat, hätten die Forschungsreisenden - und 200 Jahre später die Autoren der Sendung - die Menschen fragen können, die dort wohnen. Das scheint weder damals noch heute geschehen zu sein. „Es gibt ein lokales Gedächtnis, und ohne dies wäre Petra undenkbar“, sagt der Archäologe Anthony Dufton von der US-amerikanischen Brown University im Interview. Dennoch bezieht auch er sich mit keinem Wort auf seine jordanischen Kolleginnen und Kollegen etwa vom Petra National Trust oder von der jordanischen Altertumsbehörde.

In Petra gabelte sich die weltberühmte Weihrauchstraße, deren Ausgangspunkt an der Südküste der arabischen Halbinsel lag. Man konnte von hier weiter gen Westen nach Gaza ziehen oder gen Norden über Bosra und Damaskus nach Kleinasien und Europa.

So interessant es ist, sich in der Sendung auf den einen Ort zu konzentrieren, so problematisch ist es, ihn kulturell zu isolieren. Gerade weil es um eine internationale Handelsmetropole geht und die Hauptstadt des nabatäischen Königreichs, dessen Territorium Teile des heutigen Ägyptens, der palästinensischen Gebiete, Israels, Syriens, Jordaniens und Saudi-Arabiens umfasste. Zwar mag die Stadt etwas versteckt in den Felsen liegen, sie kann aber nicht abgeschottet gewesen sein. Auch eine historische Einordnung hätte viele Fragen, die die Autoren als Rätsel bezeichnen, weniger wundersam erscheinen lassen

Das Wunder und das Rätsel jedoch sind der Ausgangspunkt dieser populärwissenschaftlichen Sendung, die letztlich mehr über westliche archäologische Forschungsmethoden und Gerätschaften erklärt als über Petra. Entsprechend werden westliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Arbeit gefilmt und Araber auf dem Kamel. Ganz in der Tradition der Filme, die die englische Kolonialmacht seit Beginn des 20. Jahrhunderts in diesem Gebiet drehte (und die man heute zum Teil auf colonialfilm.org.uk schauen kann), dient die einheimische Bevölkerung allein dazu, das Leben vor 2000 Jahren zu visualisieren.

Archäologie ist immer politisch

Man sieht sie nur, wenn die Erzählstimme aus dem Off darlegt, wie es bei den Nabatäern war: Dann reiten Beduinen auf Kamelen durchs Bild oder bepacken ihre Satteltaschen. Ihre Geländewagen kommen nie vor die Kamera.

Die Kritische Archäologie hat sich seit den 1980er Jahren etabliert. Sie hinterfragt mitunter die Wahrheitsbehauptung der archäologischen Forschung selbst und setzt sich mit der Frage auseinander, wer über die Vergangenheit „anderer“ forschen und schreiben darf.

Archäologie ist immer politisch. Für das Heilige Land, zu dem das südwestliche Jordanien mit der Felsenstadt Petra gehört, gilt dies seit der Entstehung der Disziplin im Kolonialismus bis heute ganz besonders. Es geht um Landbesitz, um Zugang zu Wasser und zu heiligen Stätten sowie um das Recht auf Selbstbestimmung, um Macht.

In Bezug auf Petra zum Beispiel sprechen arabische Quellen von den arabischen Nabatäern, und die Autoren von Arte von einem Volk, das es früher mal gab. Und dass europäische Forschungsreisende die Stadt entdeckten, das heißt nicht, dass die Araber sie bis dahin auch nicht kannten.

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