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„Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“ Zerschossene Träume vom bürgerlichen Dasein

In der Tradition britischer Historienserien und US-amerikanischer Mafiaepen: Die BBC-Serie „Peaky Blinders“ mit Cillian Murphy geht in die dritte Staffel. Und wird damit nicht enden.

Peaky Blinders
Thomas Shelby (Cillian Murphy) wird Teil einer Verschwörung von höchst einflussreichen Personen. Foto: arte

Das Familienunternehmen der Shelbys ist imposant gewachsen. Begonnen hatte der roma-irische Clan mit Kleinkriminalität in Birminghams Arbeiterslums. Unter der geschickten Führung des Kriegsheimkehrers Thomas Shelbys (Cillian Murphy) erweiterten sie von 1919 an ihre Geschäftsfelder unter anderem um das Geschäft mit manipulierten Pferdewetten und zwangen konkurrierende Banden unter ihre Knute.

Birmingham gehört ihnen. Das schließt die Polizei mit ein. Sie besitzen jetzt eine reguläre Firma, unterhalten ein Standbein in London, planen die Expansion ins überseeische Boston. Zu Beginn der dritten, wiederum sechsteiligen Staffel der britischen Serie „Peaky Blinders“ residiert Thomas Shelby mit Grace Burgess (Annabelle Wallis) in einem feudalen Anwesen, das dem der Granthams aus „Downton Abbey“ in nichts nachsteht.

Die Shelbys haben einen Status erreicht, der möglich machen könnte, wovon vielleicht alle Gangster proletarischer Herkunft heimlich träumen: Die Anerkennung durch das Bürgertum, den Aufstieg in die feine Gesellschaft. Ein ehrbares Leben.

Aber so leicht wird es den Emporkömmlingen nicht gemacht. Bei der Hochzeit zwischen Thomas Shelby und Grace Burgess zeichnet es sich ab. Unter Graces Verwandten sind elegant uniformierte Angehörige der Kavallerie, die sichtlich die Brauen lüpfen angesichts der raubeinigen Schwäger. Nur mit Mühe gelingt es Thomas, seine Bande im Zaum zu halten. Ein böses Omen.

„Peaky Blinders“ gewinnt endgültig epischen Charakter

Der von Hybris geblendete und von inneren Dämonen gejagte Thomas Shelby lässt sich in internationale politische Intrigen verwickeln. Abermals erweist er sich als gewiefter Stratege. Doch wie sich zeigt, sind ihm seine Geschäftspartner und Gegner mindestens einen Schritt voraus.

Mit den Fortsetzungen in der zweiten und dritten Staffel gewann die Serie „Peaky Blinders“, die noch um mindestens zwei Zyklen erweitert werden soll, endgültig epischen Charakter. Eine Form, die im britischen Fernsehen eine lange Tradition besitzt, mit Titeln wie „Die Forsyte-Saga“ nach Galsworthy, „Die Onedin-Linie“, „Das Haus am Eaton Place“ und einigen mehr. Gemeinsam haben diese Serien, dass sie mehrere Jahrzehnte und meist mehrere Generationen umfassen.

„Peaky Blinders“-Autor Steven Knight kombiniert dieses Muster, wie seinerzeit in den USA schon die in ihrer Machart sehr verwandte Michael-Mann-Produktion „Crime Story“, mit dem Gangstergenre, das er um zeitgeschichtliche Themen erweitert. Staffel 3 wird beherrscht vom erbitterten Kampf exilierter Russen gegen die Sowjetregierung.

Zur Sprache kommen auch der organisierte Kindesmissbrauch durch Vertreter der Kirche und die zunehmende Selbstbestimmung der Frauen. Sie verlangen und erhalten Mitspracherecht; eine von ihnen erweist sich sogar dem cleveren Taktiker Thomas als überlegen. Für Modernität sorgen gezielt gesetzte Anachronismen wie die Verwendung heutiger Rockmusik. In Episode 5 singt der mittlerweile verstorbene David Bowie seine von Todesahnungen durchwehte Ballade „Lazarus“, die albtraumhafte Sequenz wirkt wie ein Zitat des zugehörigen Videos. Zu hören sind ferner Nick Cave, The Kills, Radiohead.

Die Inszenierung durch Tim Mielants, in dieser Staffel neu im Regiestuhl, folgt der Maßgabe seiner Vorgänger, die einen pseudohistorischen Stil gewählt hatten, mit einer gediegenen Ausstattung, aber vielen rein auf den Effekt hin komponierten Tableaus. Wenn die Shelbys in Westernmanier Seite an Seite durch eine Industrieanlage marschieren, dann stieben neben ihnen Funken auf und Flammen lodern ins Bild. Drecksarbeit als optischer Schick in Videoclip-Manier – diese inhaltlich und schauspielerisch so starke Fernseherzählung hätte dessen nicht bedurft.

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