Lade Inhalte...

„Peaky Blinders“, Arte Packende BBC-Serie auf Arte

Birmingham hat Las Vegas und Chicago eines voraus: Schon im 19. Jahrhundert trieben dort kriminelle Banden ihr Unwesen. Die packende BBC-Erfolgsserie „Peaky Blinders“ mit Cillian Murphy und Sam Neill greift diese Historie auf.

Der irische Schauspieler Cillian Murphey spielt die Rolle von Tommy Shelby, Anführer der Gangsterbande "Peaky Blinders" in Birmingham. Foto: obs

Wenn Thomas Shelby (Cillian Murphy) durch die schlammigen Straßen von Small Heath reitet, stieben Frauen und Kinder auseinander und ducken sich ins nächstbeste Versteck. Wie bei einer Audienz zu Pferde lässt er eine junge Chinesin kommen, der übersinnliche Fähigkeiten nachgesagt werden. Sie pustet rotes Pulver über den rassigen Gaul, um dessen Sieg bei einem Derby zu gewährleisten. Eine Schauaktion für das abergläubische Volk, das zum Wetten animiert werden soll.

Pferdewetten, Schutzgelderpressung, Raub – das sind die zentralen Unternehmungen der Familie Shelby im Birmingham des Jahres 1919. Für Tante Polly (Helen McCrory), die während der kriegsbedingten Abwesenheit der Männer die Geschäfte führte, und den ältesten Bruder Arthur völlig zureichend, doch Thomas verfolgt ehrgeizigere Pläne. Er will expandieren, weit über Birmingham hinaus. Ein Zufall spielt ihm in die Hände. Einige von Shelbys Männer sollten auftragsgemäß vier BSA-Motorräder stehlen. In trunkenem Zustand verwechselten sie die Transportkisten und ergatterten ein Arsenal hochwertiger Rüstungsgüter, die für die Armee bestimmt waren.

Ein Vorfall mit Folgen: Bis dahin konnten die Shelbys nach Herzenslust walten; die korrupten Polizeikräfte Birminghams stellten keine Gefahr dar. Nun aber mischt sich von London aus Kriegsminister Winston Churchill persönlich ein, ordnet die Aufklärung und Wiederbeschaffung der Waffen an und schickt den erprobten Ermittler Chester Campbell (Sam Neill) in die Stadt, der zuvor in Belfast gegen die IRA und lokale Banditen vorgegangen war. Campbell bringt seine eigenen Männer mit, und die sind nicht zimperlich. Verdächtige werden willkürlich aufgegriffen und verprügelt, Häuser durchsucht und auf den Kopf gestellt. In Belfast wurde so mancher tot aufgefunden. In Birmingham solle Campbell sich jedoch vorsehen, warnt Churchill. Nicht Campbells Methoden stören ihn, vielmehr möchte er vermeiden, dass die Presse aufmerksam wird. Für Thomas Shelby aber werden die militärischen Waffen zu einem wichtigen Pfand.

Ein Kriegsheld in der Unterwelt

Der Autor Steven Knight – nebenbei einer der Miterfinder des Show-Hits „Wer wird Millionär?“ – orientierte sich bei seinem Serienentwurf an realen Ereignissen und Personen, die fiktionalisiert und von Regisseur Otto Bathurst in eine stilisierte Bildsprache übertragen wurden. Das Genre des Gangsterfilms erfährt hier eine Weiterung durch Bezug auf zeitgeschichtliche Umstände. Vor allem der gerade erst zu Ende gegangene Erste Weltkrieg prägt die Figuren. Der so kaltblütig wirkende Thomas Shelby, Träger einer Tapferkeitsmedaille, wird von infernalischen Erinnerungen an den Graben- und Bombenkrieg gequält. Heimlich betäubt er sich mit Opium, um die wiederkehrenden Albträume abzutöten. Er ist nicht der Einzige, der Traumata davongetragen hat. Einer seiner Gefolgsleute randaliert halluzinierend im Pub, später tötet er im Affekt einen italienischen Café-Besitzer.

Thomas‘ Kriegskamerad Freddie Thorne (Iddo Goldberg) hat einen anderen Weg genommen. Er ist Gewerkschafter und kommunistischer Agitator geworden und organisiert einen Streik in den BSA-Werken, die im Krieg große Gewinne einfuhren, nun aber die Produktion verkleinern müssen und die Löhne drücken wollen. Thomas und Freddie sind verfeindet. Umso heikler, dass Freddie eine heimliche Affäre mit Thomas‘ Schwester Ada (Sophie Rundle) unterhält, zumal sich zeigt, dass Ada von Freddie schwanger ist.

Der Sonderermittler Chester Campbell bekämpft den Shelby-Clan ebenso wie Kommunisten, die Banden anderer Viertel und auch exilierte IRA-Leute, die in Birmingham ein eigenes Netzwerk unterhalten. Ein komplexes Gebilde, in dem sich Thomas Shelby einerseits durch plakative Gewaltaktionen, andererseits durch Kompromisse und strategische Allianzen behaupten muss.

Feuerspuckende Fassaden

Die historischen Begebenheiten bilden einen attraktiven Stoff und liefern Inspirationen für ausschmückende Handlungselemente. Steven Knight, der als Autor und Regisseur 2014 mit dem Kinofilm „Locke“ Furore machte, versteht sich darauf, aus diesem Material eine packende Serienerzählung zu formen. Nur mochten sich die Produzenten auf diese Stärke nicht verlassen. Im Bemühen um eindrucksvolle Bilder leistet sich Regisseur Otto Bathurst so manch unangemessene Übertreibung. Wenn die Kamera dem einsamen Reiter Thomas Shelby in einer langen Fahrt durchs Industrieviertel folgt, schlagen Flammen aus den Werkstattöffnungen, sprühen Funken, quillt Rauch über die Straße. Alles sehr fotogen, aber ohne erkennbare und sinnvolle Ordnung und in gewissem Sinne anachronistisch. Bathurst betont die vorindustrielle, handwerkliche Schmiedearbeit, in Wahrheit waren die BSA-Werke Mitte des 19. Jahrhunderts eigens errichtet worden, um die damals neuen maschinellen Fertigungsmethoden zu nutzen und die unwirtschaftlich gewordene Handarbeit zu ersetzen.

Auch das Elend, in dem viele der Kriegsversehrten, Arbeitslosen, schlecht bezahlten Arbeiter leben – und das folgerichtig den Nährboden für Verbrecherkarrieren und Prostitution bildet – wird hier geradezu malerisch in Szene gesetzt und damit realitätsfremd – der ästhetische Reiz mindert die tatsächliche Bedeutung. Ein Trend, der in der Serienproduktion jüngst häufiger zu beobachten war: Großspurige Inszenierungen treten in den Vordergrund, statt dem Inhalt zu dienen. Nichts gegen eine attraktive Fotografie, aber die viel gelobten „kinogerechten“ Bilder können auch zur Untugend werden.

„Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“, ab 12.3., donnerstags, 20.15 Uhr, je zwei Folgen, Arte

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum