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„Pässe für Kriminelle“, ARD Lebenslänglich ausgeliefert

Fingerabdruck und Iris lassen sich fälschen: Die ARD-Reportage „Pässe für Kriminelle“ macht deutlich, wie leicht unsere biometrischen Daten in die Hände von Verbrechern gelangen können.

ARD
„Einmal missbraucht, sind die Daten ein Leben lang nicht mehr benutzbar.“ Foto: BR

Haben Sie Holzleim zuhause? Falls ja, können Sie vielleicht den in diesem Film gezeigten Trick nachmachen. Ist aber nicht ratsam. Doch dazu später.

Es ist dies eine geradezu mustergültig aufgebaute Reportage. Zunächst wird eine verbreitete Meinung oder Behauptung aufgegriffen: Unsere biometrischen Daten sind sicher, ob Fingerabdruck oder Iris-Erkennung. Das Interesse der Allgemeinheit ist damit gesichert. Dann der Problemaufriss: „Was passiert, wenn unsere Identität in die Hände von Verbrechern fällt?“, fragt Sabina Wolf zu Beginn ihres Films. Und präsentiert den ersten Experten, Typ renommierter Wissenschaftler: Gunnar Porada. Der erklärt, die angeblich so sicheren Verschlüsselungsmethoden seien „unsicher und angreifbar“.

Folgt der zweite Experte, Typ Insider. Ein Hacker namens Starbug. Er hilft beim Selbstversuch, damit die Beweisführung möglichst konkret und nachvollziehbar wird. Und zeigt, wie mit Folie und Holzleim ein Fingerabdruck imitiert – und damit von jemand anderem benutzt – werden kann: Voilà: ein Biometrie-Hack.

Betrug mit biometrischen Daten wird millionenfach verübt

Ähnlich leicht lassen sich offenbar Iris-Scanner täuschen, mit Hilfe einer Kontaktlinse, wobei die Autorin hier nicht ins Detail geht. Doch die allgemein verbreitete Behauptung, unsere biometrischen Daten seien sicher, ist erst einmal widerlegt.

Folgt die Antwort auf Wolfs Eingangsfrage: Was möglich ist, wird gemacht, und zwar von Kriminellen. Die verschachern ihre Beute im Darknet und werden hier symbolisch arg lächerlich mit Halloween-Masken abgebildet, aber man kann Wolf ansonsten nicht das Geschick absprechen, ihren Film optisch abwechslungsreich zu gestalten.

Ein Opfer hat sich bereit gefunden, ihre Geschichte zu erzählen. Mit den ihr geklauten Daten ist für Tausende Euro eingekauft worden. Porada: „Einmal missbraucht, sind die Daten ein Leben lang nicht mehr benutzbar.“

Und die Frau ist nicht die einzige.  Betrug mit biometrischen Daten wird millionenfach verübt. Besonders in Indien, wo  die Fälschungen für Schwarzhandel mit Lebensmitteln benutzt werden; 1,2 Milliarden Daten seien dort ebgegriffen worden. Beeindruckend das Zitat einer indischen Behörde, die Bürger auffordert, sich einer neuen Indentitätsprüfung zu unterziehen, „weil Ihre Biometrie noch bei anderen Bürgern passt“.

Wolfs Versuch, mit Hilfe des Hackers einen gefälschten Pass zu beschaffen, scheinen erfolgreich. Kosten soll er 900 Dollar. Und eine Überprüfung der Fingerabdruck-Sensoren, wie sie in Einwohnermeldeämtern benutzt werden, zeigt: Die vom Apparat an den Computer übermittelten Bilder des Abdrucks sind – laut Wolf seit zehn Jahren –  nicht verschlüsselt, eine Schwachstelle, die der Vertreter des Herstellers „Dermalock“ einräumen muss. Das Innenministerium formuliert, die Erhebung der Daten könne als „angemessen sicher“ gelten.

Umfang und Bedeutung des Tatbestandes sind geklärt, was folgt, ist die Frage nach den Antworten von Behörden und Politik. Fehlanzeige. Dabei sind laut Porada alle Datenbanken hackbar oder bereits gehackt. Auch durch das neue, heftig diskutierte Gesetz zu Datenschutz-Grundverordnung sei kein ausreichender Schutz gelungen, heißt es. Und BND-Präsident Gerhard Schindler formuliert, Datenschutz werde „immer unpraktikabler“.

Jetzt hätte die Autorin nach Konsequenzen und Interessen fragen müssen. Was will Schindler? Warum hält das Ministerium still, und vor allem: Wo ist der Ausweg aus dem Dilemma? Ein Wissenschaftler formuliert, „die Haftung der Hersteller wäre hilfreich.“ Das kann es doch nicht alleine sein. Stattdessen verschärft Sabina Wolf ihren bisweilen etwas alarmistischen Tonfall noch und verweist auf  die Gefahr durch den Terrorismus: Der IS habe Fingerabdruck-Imitate in der Türkei zur Geldbeschaffung genutzt. Staat und Unternehmen hätten da „enorme Verantwortung“. Gewiss. Aber wie werden sie der, wenn überhaupt,  gerecht? Und wenn nicht: Warum nicht?

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