Lade Inhalte...

„Outside the Box“ (ZDF) Teamfähig, dynamisch, belastbar

Philip Kochs Firmengroteske „Outside the Box“ um einen haarsträubend schieflaufenden Teambuilding-Ausflug ist ein würdiger Auftakt für eine ZDF-Filmreihe aus dem jungen wilden deutschen Kino.

Outside the Box
Wenn das Teambuilding aus dem Ruder läuft ... Szene aus „Outside the Box“. Foto: Arvid Uhlig

Die 2010er waren das Jahrzehnt, in dem der deutsche Film (wieder-)entdeckt hat, dass es im Land nicht nur Kommissare, Rentner, Hausfrauen und „Irgendwas mit Medien“-Fuzzis gibt, sondern auch eine finanzielle Oberklasse. Im Nachklang der Bankenkrise bevölkerten plötzlich ebenso anglizierte wie vage Berufsbezeichnungen Bildschirm und Leinwand: Controller, Sales Executives, Human Ressource Managers, Senior Consultants.

Der Frage, inwiefern diese Wesen unter den Nadelstreifen noch menschlich sind, scheint die Filmemacher in diesem Jahrzehnt brennend zu interessieren. Umso interessanter, dass der erhebliche Schwung Fernsehfilme die Frage mit „Ja“ beantwortet und entsprechend Familien- oder Unternehmensdramen draus machte; während die junge wilden Kinomacher ein radikales „Nein“ dagegenwarfen und diese Stoffe genüsslich in die Groteske und in die Farce abgleiten ließen. Die beeindruckendsten Beispiele dafür waren sicherlich Christoph Hochhäuslers virtuos beendetes „Unter dir die Stadt“, Johannes Nabers geradezu biblische „Zeit der Kannibalen“ – und Philip Kochs furios alberner Film „Outside the Box“.

Das ZDF verspricht also nicht zu viel, wenn sie diese schwarze Komödie als Auftakt für eine „Junges Kino“-Reihe heranzieht. Diese Sammlung junger, radikale Verweigerungsfilme wird zwar erst zwei Tage später mit Aron Lehmanns „Die letzte Sau“ ihren unbestrittenen Höhepunkt finden, aber Kochs Manager-Grotske ist eine ausgezeichnete Einstimmung auf die Totalabrechnung mit der kapitalistischen Gesellschaft, die die junge Filmemachergeneration gerade zelebriert.

Die Grundidee wirkt dabei noch etwas nach Studentenfilm: Vier aufstrebende junge Consultants einer großen Firma (ist es wichtig, was sie herstellt? Stellt sie etwas her?) werden nach Südtirol zu einem dieser albernen Teambuilding-Ausflüge geschickt, die immer mehr in Richtung Bootcamp gehen. Die PR-Abteilung hat sich dabei eine pressewirksame neue Steigerung einfallen lassen und will die vier nicht nur drillen, sondern kurzerhand von zwei fertigen Schauspielern kidnappen lassen, um echte Teamwork-Ergebnisse zu erzielen. Die fertigen Schauspieler inzwischen machen das Kidnapping kurzerhand real, um echte Geld-Ergebnisse zu erzielen.

So weit, so einfach. Aus dieser Synopsis könnte man eine Menge sehr unterschiedlicher Filme werden – der britische Horrorthriller „Severance“ hat praktisch den gleichen Plot. Aber Autor und Regisseur Philip Koch hat einen großen Vorteil: Er lässt den heiligen Ernst des deutschen Kinos genüsslich fahren und lässt die Handlung ganz herrlich durchdrehen. Tatsächlich nimmt er diese Prämisse nur als Sprungbrett, um in immer absurderen Wendung wirklich Spaß zu haben mit den Figuren. Und zwar nicht nur mit den vier klassischen Stereotypen, die da durch den Wald gehetzt werden: Der Karrierist, der Egomane, die Pseudo-Sozial-Tussi und der kleine Junior-Fußabtreter, der ein mächtiges Geheimnis hat. Nein, Koch hat sogar noch mehr Spaß, wenn er den Fokus ausweitet, auf die karrieregeile PR-Frau, deren Idee das Ganze war; auf den PR-Frauen-geilen Psychologen, der seine Reputation auf dem Spiel sieht; auf den köstlich überzeichneten Firmenpatriarchen im Rollstuhl und auf seinen Bediensteter mit dem Status eines besseren Haustiers.

„Outside the Box“ nimmt nichts ernst, am allerwenigsten sich selbst. Und das macht aus einer potentiell bleischweren Kapitalismus-Parabel ein leichtfüßiges, streckenweise sogar albernes, aber gerade dadurch schön subversives Stück Gegenkino. Es ist jung, dynamisch, belastbar, teamfähig und konfliktbereit – und sehr unterhaltsam.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen