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Operation Zucker: Jagdgesellschaft, ARD Noch einmal in die Magengrube

Die Fortsetzung von Rainer Kaufmanns Pädophilie-Krimi ist eine angenehme Überraschung, die durchaus auf Augenhöhe mit dem Vorgänger bestehen kann. Das liegt vor allem an Meisterleistungen von alten und neuen Darstellern.

20.01.2016 08:17
Von DJ Frederiksson
Operation Zucker. Jagdgesellschaft. Foto: © BR/Senay Ay

Die Erwartungen an die Fortsetzung von Rainer Kaufmanns hochgelobtem und vielfach preisgekröntem Schlag in die Magengrube durfte durchaus gespalten sein. Einerseits ließ die Teamliste nicht gerade auf Kontinuität schließen: Der komplette kreative Stab des triumphalen Vorgängerfilm wurde ausgetauscht. Selbst unter den Schauspielern ist Nadja Uhl in der Hauptrolle praktisch die einzige Überlebende. Und die Kurzzusammenfassung hörte sich auch weniger nach Festmahl als vielmehr nach Aufwärmmahlzeit ein: Erneut stößt die LKA-Kommissarin Wegemann auf organisierter Kindermißbrauch unter den Reichen und Einflußreichen, erneut gibt es Verflechtungen in die höchsten Ränge der Politik und in schmucke Villen, wo Polizei und Justiz zum Wegschauen angehalten werden.

Dieser zweite Verdacht kann nie ganz entkräftet werden, es bleibt immer ein gewisses „Stirb Langsam 2“-Syndrom im Hinterkopf: „Der gleiche Mist passiert dem gleichen Typen zum zweiten Mal.“ Daß man diese Kuriosität irgendwann einfach vergißt und verdrängt, liegt daran, daß das Filmemacher-Team hier keineswegs eine hastig zusammengestellte B-Mannschaft ist, sondern sehr sorgfältig ausgesucht und aufeinander eingespielt daherkommt. Die neue Regisseurin Shery Hormann hat ihr Gespür für ähnlich komplexe Milieus ja bereits mit Filmen wie „Wüstenblume“ oder der einfühlsamen Kampusch-Verfilmung „3086 Tage“ bewiesen. Bei Letzterem hat sie auch schon mit Kameramann Armin Golisano zusammengearbeitet, der hier den minimalistisch-eleganten, aber hoffnungslosen Look des Vorgängerfilms konsequent weiterdenkt. Und auch das neue Autorenteam von Friedrich Ani und Ina Jung, das sich mit dem Buch für Dominik Grafs Kindermord-Krimi „Das unsichtbare Mädchen“ bereits für das Thema qualifizierte, ist eine echte Bereicherung.

Dazu kommt ein Ensemble, das bis in die Jugenddarsteller hinein vielleicht sogar noch furioser aufspielt als im ersten Film. Nadja Uhl knüpft voller Intensität an die Rolle an, für die sie eine ganze Reihe von Preisen erhalten hat. Jördis Treibel setzt ihren Triumphzug durch den deutschen Film fort und stiehlt trotz einer auf dem Papier nicht gerade prominenten Nebenrolle alle großen Szenen. Ihr Verhör im Polizeirevier mit dem auch hier wieder überraschenden Misel Maticevic wird eine der eindrücklichsten Szenen dieses noch jungen Fernsehjahres bleiben.

Blieb nur die Frage nach dem Ende. Beim Vorgängerfilm gab es ja ein unschönes Hickhack, weil das schonungslos bittere Ende erst in der nächtlichen Wiederholung zu sehen war, während zur Prime Time eine abgeschwächte „gekürzte Fassung“ lief. Statt dessen gibt es diesmal ein entschieden ambivalentes Ende: Erneut ein Schlag in die Magengrube, aber auch mit einem Funken Hoffnung. Vielleicht. Kein leichter Drahtseilakt. Und so bleibt „Operation Zucker: Jagdgesellschaft“ ein wirkmächtiges Gegenbeispiel zum Klischee, daß man hierzulande keine themenrelevaten Fernsehfilme machen kann, ohne sie in einem „Tatort“ mit Happy End zu verstecken. Es geht eben doch. Es geht sogar sehr gut.

 

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