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„Nord bei Nordwest – Estonia“ Schrott vom Ostseegrund

Guck mal, wer die Fähre nimmt: Im Küstenörtchen Schwanitz nisten sich Agenten ein. Es wird scharf geschossen, alte Rechnungen müssen beglichen werden. Dabei gäbe es für alle Beteiligten wahrlich Besseres zu tun. Die TV-Kritik.

Sonnenuntergang an der Förde
Die Ruhe an der Ostsee trügt. Foto: dpa

Eigentlich ist Verbrechensprävention im ostholsteinischen Schwanitz eine dankbare Aufgabe. Man muss nur gucken, wer da mit der kleinen Autofähre auf die Halbinsel Priwall geschippert kommt. Zu Beginn entdecken wir an Bord neben der vifen Schutzpolizistin Lona Vogts (Henny Reents) bereits allerlei Gestalten, die schon durch ihr betont heimlichtuerisches Verhalten Argwohn provozieren. Da lässt sich auch der Ex-Ermittler und jetzige Tierarzt Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann) von seiner Arbeit ablenken und wirft einen misstrauischen Blick hinüber zur Pension, als dort eines dieser zwielichtigen Individuen Quartier bezieht.

Seine Ahnung wird nicht enttäuscht. Kaum geht er mit seinem Hund am Strand spazieren – wovon er eigentlich seine Praxismiete und seine Mitarbeiterin bezahlt, weiß nur das Finanzamt –, schon wird in der nahen Seniorenvilla „Schönblick“ geschossen. Hauke ist im Nu zur Stelle – der alte Antrieb des ehemaligen Polizisten – und fängt einen heraustorkelnden angeschossenen Mann auf. Der Sterbende drückt Hauke noch ein Päckchen in die Hand, dann haucht er sein Leben aus.

Um dieses Päckchen dreht sich alles Weitere. Alle wollen es. Oder zumindest wissen, was es damit auf sich hat. Das beschauliche Nest an der Ostsee wird unversehens zum Brennpunkt internationaler Konspirationen. Um nicht weniger als den Untergang der Ostsee-Fähre „Estonia“ geht es, ein von vielen Mutmaßungen und Mysterien umranktes Schiffsunglück aus dem Jahr 1994. Bis heute gibt es Stimmen, die einen Sabotageakt als Ursache der Havarie vermuten. Das handtellergroße Metallstück, das zu den Asservaten genommen wird, weist eine Seriennummer auf. Und soll belegen, dass die „Estonia“ tatsächlich versenkt wurde. Wem da aber was bewiesen werden soll, mit welchem Motiv und auf welche Weise, bleibt völlig offen.

Denn das Stück Schrott ist klar erkennbar ein „MacGuffin“ – ein dramaturgisches Instrument, im Handlungsrahmen eine Nichtigkeit, nur dazu da, die Charaktere in Bewegung zu versetzen. Statt die Krimihandlung aus den lokalen Besonderheiten zu entwickeln, führt Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt fernliegende internationale Angelegenheiten in dem fiktiven Weiler Schwanitz zusammen. Der Regionalkrimi wird zum Möchte-Gern-Agententhriller aufgeblasen, aber das funktioniert natürlich nicht.

Eine einzelne Dorfpolizistin und ein ehemaliger Großstadt-Cop treten gegen ausgebufftes Personal aus Stasi-Kreisen und russischem Geheimdienst an. Ein Wettrennen wie Mofa gegen Porsche und am Ende gewinnt das Mofa. Ein verwegenes Vorhaben, das nur deshalb nicht völlig in die Dutten geht, weil die Figuren sympathisch gezeichnet sind und neben ihren „Mission: Impossible“-Eskapaden noch ihren privaten Pläsierchen folgen, dem Tierschutz und der Suche nach dem Traumprinzen, der die Prinzessin gar nicht auf Händen tragen muss, aber Tierliebe, ein bisschen Intelligenz und viel Respekt mitbringen sollte.

Spannende Momente gibt es in diesem Fernsehkrimi, aber sie verdanken sich nicht dem absurden Agentenplot, sondern der Frage, ob der einsilbige Tierarzt Hauke Jacobs die Avancen seiner Mitarbeiterin Jule Christiansen (Marleen Lohse) aus schierer Paddeligkeit oder ganz bewusst – und wenn ja, warum? – ignoriert. Diese Szenen machen Spaß, der Rest ist Küstennebel.

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