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„Neben der Spur – Amnesie“, ZDF Immer so viel Zeit wie nötig

Das ZDF zeigt einen hochspannenden und vorzüglich inszenierten Krimi über einen Polizisten, der Teile seines Erinnerungsvermögens verloren hat.

Der Psychologe Joe Jessen (Ulrich Noethen) versucht Kommissar Vincent Ruiz (Jürgen Maurer) zu helfen, seine Erinnerungen wieder zu rekonstruieren. Was ist in den letzten Tagen vorgefallen und welche Verbindung besteht dabei zu dem Fall Lilli Holsten? Foto: ZDF und Marion von der Mehden

Der zweite Krimi in der losen ZDF-Reihe „Neben der Spur“, „Amnesie“, ist ein flottes, aktionsreiches Pendant zum Münchner „Polizeiruf“ vom Sonntagabend. Auch hier liegt das ursprüngliche Verbrechen ein paar Jahre zurück (aber nur drei), auch hier folgte ein Mordprozess ohne Leiche, auch hier muss sich der damalige Ermittler jetzt fragen, ob der damals Verurteilte (hier Jens Harzer als ungemein unzuverlässig wirkender Geselle) tatsächlich der Schuldige ist.

Allerdings muss sich der Kriminalbeamte in „Amnesie“ noch ganz andere Dinge fragen. Er hat Teile seines Gedächtnisses verloren, ist bei einer mysteriösen Schießerei schwer verletzt worden – anders als im Roman-Original des Australiers Michael Robotham hat er immerhin noch seine zehn Finger – und wird von einem internen Ermittler bedrängt. Joachim Król spielt ihn schonungslos als Unsympathen.

Anders als der melancholische „Polizeiruf“-Beitrag mit Matthias Brandt geht es in „Amnesia“ weniger um Schuld und Rekonstruktion, als um die Bewältigung erheblicher neuer Probleme. Die offenbar sehr gut gebaute Vorlage hebt das Drehbuch der beiden Regisseure Cyrill Boss, und Philipp Stennert weit über gängige TV-Krimi-Konstruktionen hinaus. Auch sind der Ermittler und seine Kumpane nicht auf dem Mund gefallen, alte Bekannte aus Folge 1, „Adrenalin“, ausgestrahlt vor einem knappen Jahr. Der „Ich hab dich auch lieb“-Umgangston ist genretypisch kernig, aber auch wirklich unterhaltsam.

Jürgen Maurer ist Vincent Ruiz, der durch den Fleischwolf gedrehte Gedächtnislose, Marie Leuenberger seine treue Mitarbeiterin, Ulrich Noethen der empfindliche Psychiater, der seiner Erinnerung auf die Sprünge helfen soll. Hamburg, das Robothams London ersetzt, ist eine so finstere wie glänzende Stadt, in der man sich ausführlich jagen und fürchterlich ins Wasser fallen kann. Hochelegant bauen Boss und Stennert kurze Rückblenden ein und finden beeindruckend viel Zeit für die Gespräche, die der Psychiater mit Ruiz führt. Sehr zu dessen Verdruss. Der Zuschauer erlebt mit, wie das funktioniert, was Ruiz überflüssig und sinnlos findet. Es ist, als könnte man seinem Gehirn bei der Arbeit zuschauen.

Trotzdem bleibt Raum für eine Ver- und Entwicklung in mehreren Eskalationsstufen. An ihrem Ende erwartet den Zuschauer vielleicht nicht die größte Überraschung der Welt, aber doch eine Auflösung, die überdurchschnittlich einleuchtet. Und die etliche Rätsel der vorangegangenen Vorgänge im Handumdrehen klärt.

Keine Figur, das ist wieder eine Ähnlichkeit zum München-„Polizeiruf“, wird flüchtig abgetan. Die Regie hat anscheinend immer genau so viel Zeit, wie sie braucht. Das ist in 90 knallvollen Minuten eine Meisterleistung.

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