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„Mut zur Liebe“, Arte Ein normales Leben

Die Miniserien-Festspiele auf Arte gehen weiter, diesmal mit „Mut zur Liebe“, einem homosexuellen Lebenslauf aus der Feder des renommierten Filmemachers Philippe Faucon – eine weitere unbedingte Empfehlung.

„Mut zur Liebe“
Victor (Benjamin Voisin, li.) und Sélim (Sami Outalbali, re.) kommen sich heimlich näher. Foto: Arte/Arthur Farache Sauvegrain/Scarlett Production

Ein weiterer Donnerstag, ein weiterer Miniserien-Marathon auf Arte. Und statt der belgischen oder britischen Betthupferl winkt diese Woche eine französische Eigenproduktion. Kann das zarte Eigengewächs mit dem internationalen Best-of der letzten Wochen und Monate mithalten?

Die Ausgangsposition ist jedenfalls vielversprechend: Der in Marokko geborene Regisseur Philippe Faucon, der mit Filmen wie „Liebe in der Vorstadt“ und „Fatima“ bereits in Cannes und bei den Césars für Furore gesorgt hat, beschäftigt sich seit jeher mit Homosexualität und Selbstbestimmung im strikten, meist muslimischen Familienkontext.

Ein großer, narrativer Wurf

Und gemeinsam mit den beiden Autoren José Caltagirone und Niels Rahou hatte er nun die Idee zu einem dieser großen narrativen Würfe, wofür das Format der Miniserie wie geschaffen ist: In drei knapp einstündigen Episoden verfolgt er den Lebens- und Liebeslauf des homosexuellen Victor, erst als Abiturient 1981, der sich gegen einen dominanten Vater und eine homophobe Gesetzgebung und Kultur wehren muss; dann als Architekt 1999, als er mit seinem AIDS-kranken Partner gegen alle Widerstände ein Kind adoptieren möchte; und schließlich selbst als Vater im Jahr 2013, als er versucht, seinem eigenen Sohn gegen Vorurteile und Unsicherheiten zu helfen.

Vier Jahrzehnte Kampf um Akzeptanz, um Würde und um Gleichberechtigung in einem einzigen Film – wieder so eine Erzählung, die man sich in diesem Mut, in dieser Größe und in dieser Konsequenz gerne auch im deutsche Fernsehen wünschen würde. Und Philippe Faucon weiß, wovon er erzählt. Zielstrebig trägt er die bedeutendsten, berührendsten und emotionalsten Momente zusammen: Das erste Eingestehen vor sich selbst; das erste Coming-Out; die erste Konfrontation mit Mobbing und Intoleranz; der Bruch mit den Eltern; die erste Demo; die schleichende Diskriminierung der Bürokratie, die grässlichen Opfer, die man im Kampf gegen Aids und Hass bringt; und schließlich die Ehe für alle und der Kampf um Akzeptanz auch in der nächsten Generation.

Es sind bekannte Stationen, die man alle schon mal gesehen hat – aber in ihrer Gesamtheit ergeben sie eine emotionale Achterbahn, der man sich schwer entziehen kann. Es ist der lange Atem, der hier so beeindruckt. Denn dieser Abend zeigt mal wieder, was eine Miniserie alles leisten kann: Das Liebesleben eines Mannes, von 17 bis 50, in einem einzigen großen Wurf.

Faucon inszeniert all das nüchtern und unaufgeregt, mit stillen Dialogen und kleinen Gesten. Natürlich ist es von enormem Vorteil, dass Stanislas Nordey, Frédéric Pierrot und Samuel Theis im Zentrum der Geschichte drei absolute Meisterleistungen in (jahrzehntelanger) Charakterentwicklung abliefern. Aber als Regisseur hält sich Faucon lieber im Hintergrund, zugunsten seiner Erzählung. Und das ist auch genau richtig so: Dies ist weder eine außergewöhnliche noch eine sonderlich schockierende Geschichte. Jegliches Feuerwerk, jeder narrative oder ästhetische Firlefanz wäre nicht nur unnötig, sondern sogar störend – Faucon will dem homosexuellen Lebenslauf ein Stück Normalität verleihen, er will kein Einzelschicksal erzählen, sondern ein von vielen geteiltes Stück Realität endlich in seiner Gesamtheit abbilden.

Der französische Originaltitel beschreibt den „Stolz“, die gemeinsam gelebte Erfahrung, den gemeinsam ausgetragenen Kampf, und die gemeinsam erreichten Ziele. Das fertige Produkt ist ein stilles Fanal, auf das die Macher ihrerseits durchaus stolz sein dürfen.  

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