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„Mohammad Mustermann“ Lange Wege im fremden Land

Die ARD-Langzeitbeobachtung dreier Geflüchteten in Berlin ist eine erfrischende Ausnahme im deutschen Fernsehen. Und bietet auch einen genauen Blick auf die Gegebenheiten in der Bundesrepublik.

13.03.2017 08:20
Irit Neidhardt
Mohammad Mustermann
Mohammad Alabdulla vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Foto: rbb/Matthias Deiß

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat den Auftrag, mit seinen Programmangeboten zur Information, Bildung, Beratung, Kultur und Unterhaltung einen Beitrag zur Sicherung der Meinungsvielfalt und somit zur öffentlichen Meinungsbildung leisten. Was den Themenbereich der arabischen Welt und der Fluchtbewegungen aus ihren Kriegsgebieten angeht, gelingt dies oft nicht. Matthias Deiß’ Mohammad Mustermann – Deutschland deine Flüchtlinge“ ist eine erfrischende Ausnahme, auch wenn der Titel der Sendung nicht unbedingt Tiefgang vermuten lässt.

Zwei Jahre lang begleitete der ARD-Korrespondent drei Männer, die als Flüchtlinge nach Berlin gekommen sind, mit der Kamera. Im März 2015 hat er sie getroffen, also bevor im Zuge der Willkommenskultur-Euphorie Lebensgeschichten von Flüchtlingen medial auf Handy-Videos von Mittelmeerüberfahren oder Fußmärschen entlang der Balkanroute reduziert wurden.

Moham­mad Alabdulla und Nidal Abbas kommen aus Syrien, Abdalkhlig Alshaebi aus Libyen. Dass ihre Wege sehr unterschiedlich sein werden, erfährt das Publikum direkt zu Beginn der Sendung. Mohammad Mustermann – Deutschland deine Flüchtlinge beginnt mit der letzten Phase der Dreharbeiten, als Mohammad Alabdulla seine Frau und seine Kinder, die er zwei Jahre lang nicht gesehen hat, am Flughafen in Berlin in Empfang nehmen kann. Die Kamera begleitet Abdalkhlig Alshaebi in einen Berliner Gerichtssaal, und die Erzählstimme aus dem Off kündigt an, dass Nidal Abbas eineinhalb Jahre lang auf seine Papiere wird warten müssen.

Innerhalb dieses erzählerischen Rahmens nähert sich der Regisseur den drei Männern – und er richtet einen genauen Blick auf die deutschen Gegebenheiten richtet. Die Spannung entsteht durch die Wege, die die drei gehen und ihre Begegnungen im Land ihrer Zuflucht. Warum Geflüchtete eine Goldgrube für Wohnungsbesitzer sind, wie im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Entscheidungen gefällt werden, welche Regelungen, Chancen und Grenzen sich hinter der Eingliederung in den Arbeitsmarkt verbergen oder welche Möglichkeiten medizinische Einrichtungen im Bereich der Traumatherapie haben, erfährt man ebenso fundiert wie en passant. Durch die relativ langen Dreharbeiten und eine kluge Montage ist es dem Publikum möglich, Entwicklungen nachzuvollziehen und Zusammenhänge zu erkennen, in die man selten einen konkreten Einblick bekommt.

Auch wann die Männer ihr Land verlassen haben und warum, erfährt man in dem Film. Zum Beispiel, dass Nidal Abbas aus Syrien floh, als er seine Einberufung in den Krieg bekam. Wenn sich hierzulande die Leute fragen, warum so viele junge Männer kommen und Frauen und Kinder zurück bleiben, dann scheinen sie weder über die Logik des Krieges nachzudenken noch anzuerkennen, dass es Männer gibt, die sich dem Töten, Plündern und Vertreiben verweigern. „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ war ein Slogan der Friedensbewegung im Kalten Krieg. Abdalkhlig Alshaebi ist in den Krieg gegangen und kam als verwundeter Kämpfer gegen den ehemaligen libyschen Machthaber Ghaddafi nach Deutschland.

Getroffen hat Matthias Deiß die Männer in einer Flüchtlingsunterkunft, direkt nach ihrer Ankunft in Berlin. Die Auswahl der drei für den Film erfolgte zufällig. Dass ihr Werdegang sehr unterschiedlich sein wird und ihre Begleitung lohnend, ist in dem Moment klar, in dem man in Flüchtlingen Menschen mit Persönlichkeit und Geschichte sieht, ganz gleich ob man ihre Ansichten teilt, sie sympathisch findet oder nicht.

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