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„Mit Vollgas in den Verkehrskollaps“ Der tägliche Wahnsinn

Die Reportage „Mit Vollgas in den Verkehrskollaps“ über Auswege aus dem Dauerstau stellt zwar eine Diagnose, bleibt aber die Therapie schuldig.

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München gilt als die Stauhauptstadt Europas. Foto: SWR

Das Thema ist im Grunde viel zu komplex für eine dreißigminütige Dokumentation. Neu ist es auch nicht: Der Dauerstau des Berufsverkehrs rund um die Großstädte ist seit Jahrzehnten ein Problem; aber früher fuhr wenigstens die S-Bahn. „Mit Vollgas in den Verkehrskollaps“ haben Heiner Hoffmann und Achim Reinhardt aus der „Report“-Redaktion des SWR ihren Film genannt, und weil Menschen eher Emotionen wecken als Statistiken, beginnt die Reportage mit einem Wettbewerb zwischen einem Rechtsanwalt und seiner Mitarbeiterin. Beide leben im selben Vorort von München und machen sich morgens zur gleichen Zeit auf den Weg: er mit dem Auto, sie mit der S-Bahn. Allerdings stehen beide erst mal: er im Stau, sie am Bahnsteig, weil mehrere Züge ausfallen. Als nach einer Stunde Wartezeit endlich eine Bahn eintrifft, müssen sich viel zu viele Menschen bei sommerlicher Hitze in die Waggons quetschen. Trotzdem ist die Frau sogar noch knapp vor ihrem Chef im Büro in der Innenstadt. Beide haben für eine Strecke von knapp dreißig Kilometern zwei Stunden gebraucht.

Der Einstieg ist dank des hohen Identifikationsmoments gut gewählt, denn auch Nicht-Pendler kennen diese Erfahrungen; jeder hat schon mal im Stau gestanden oder sich über verspätete Züge und mangelhafte Informationen am Bahnsteig geärgert. Erst jetzt kommen die Autoren zu ihrem eigentlichen Thema: Wie lässt sich die viel beschworene Verkehrswende in die Tat umsetzen?

Carsharing und Ridesharing sollen das Problem lösen

Ihr Film konzentriert sich auf einen Teilaspekt. Unter dem Motto „smart und digital“ sollen Carsharing und Ridesharing das Problem lösen. Beim Carsharing mietet man sich ein Auto für einen kurzen Zeitraum, beim Ridesharing nutzt man beispielsweise einen Kleinbus; beide Angebote funktionieren mittels entsprechender Apps auf dem Smartphone. Die Hoffnung hinter beiden Konzepten: Autofahrer lassen den eigenen Wagen stehen. Hoffmann und Reinhardt haben die Probe aufs Exempel gemacht und mit Menschen gesprochen, die zum Beispiel mit Hilfe von Carsharing zum Flughafen gefahren sind. Alle Befragten sagen, sie wären normalerweise mit der Bahn gekommen. Gleiches gilt für die Mitfahrer beim Ridesharing, zumal die Fahrpreise bei den beiden entsprechenden Pilotprojekten derzeit auch noch niedriger sind als im öffentlichen Verkehr.

Besonders aufschlussreich ist eine Reise nach San Francisco. Hier befindet sich der Sitz des Fahrgastvermittlungsdienstes Uber, weshalb sich die Folgen des Ridesharings hier am besten dokumentieren lassen: Superstaus und leere Züge. Weil die Passagierzahlen und somit auch die Einnahmen eingebrochen sind, fehlen den Bahnbetreibern die Mittel für notwendige Investitionen in Infrastruktur und Modernisierung. In Deutschland sind die Vorortzüge regelmäßig überfüllt, aber hier hat man dafür die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Viel zu lange hat sich die Verkehrsplanung auf die Straße konzentriert; Züge und Schienennetz befinden sich vielerorts auf dem mittlerweile maroden Stand der Siebzigerjahre.

Beide Effekte sind das Resultat einer offenbar exzellenten Lobbyarbeit, denn natürlich ist es nicht im Sinn der Automobilkonzerne, wenn die Menschen dank eines reibungslos funktionierenden öffentlichen Nah- und Fernverkehrs keine Autos mehr kaufen. Auch Car- und Ridesharing, sagen Hoffmann und Reinhardt, sind letztlich nichts anderes als aufwändige PR-Aktionen: Die Freude am Fahren soll die Lust wecken, so einen komfortablen Wagen selbst zu besitzen. Aber auch ohne Autokauf liegt das Fazit auf der Hand: Car- und Ridesharing lösen das Problem nicht, sie verschlimmern es.

Es ist klar, dass sich die Autoren angesichts von 29 Minuten Sendezeit nur auf einen Teilaspekt konzentrieren können, aber die weiteren Facetten der komplexen Problematik fallen komplett unter den Tisch. Der Anwalt erwähnt zwar, dass er seine Kinder kaum noch sehe, doch der tägliche Dauerstau hat ja auch erhebliche gesundheitliche Nebeneffekte; spätestens seit dem sogenannten Feinstaub-Urteil stehen die Städte unter Zugzwang. Auch in dieser Hinsicht lassen die „Report“-Autoren eine Lücke: Sie belegen zwar, dass das Sharing-Konzept eine Sackgasse ist, aber ansonsten müssen die Hinweise auf den ÖPNV genügen. Dass die Verkehrswende als Teil der Energiewende betrachtet werden muss, kommt zum Beispiel überhaupt nicht zur Sprache. Und der unausgesprochene Appell, sein Auto stehen zu lassen, würde vermutlich auch ohne die Aufnahmen von der völlig überfüllten S-Bahn verhallen. 

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