Lade Inhalte...

„Mit Burnout durch den Wald“ (Das Erste) Sextett der Gestressten

Sechs gestresste Großstädter werden zur Rosskur in die Natur beordert. Die moderne Arbeitswelt im Spiegel der Komödie – dank einer intelligenten Regie und überzeugenden Schauspielern wie Stefanie Stappenbeck, Birge Schade und Max von Pufendorf ein gelungenes Unterfangen.

Die Gruppe mit Gudrun (Jutta Speidel, li.), Johann (Max von Pufendorf), Therapeutin (Birge Schade), Silvia (Stefanie Stappenbeck, 2. v. re.) und Rosa (Paula Kalenberg, re.) feuern Herbert und Alfred an, die an einem Seil über das Wasser schwingen. Foto: ARD Degeto/Reiner Bajo

Am Anfang steht ein gewohntes Bild, ein Berlin-Panorama aus Hochhausperspektive. Aber dann wird die Kameraführung nervöser, nimmt Hektik und Tempo der Großstadt auf, dazu tönt eine Kakophonie aus Großstadtgeräuschen. Dann der Kontrast: Eine Villa am See vor herbstlich gefärbtem Wald. Wieder in Berlin, beginnt ein Querschnitt durchs dortige Berufsleben. Silvia (Stefanie Stappenbeck), kaufsüchtige Lehrerin und alleinerziehende Mutter, beginnt eine Unterrichtseinheit zum Thema Große Depression. Die Wirtschaftskrise der Dreißiger-Jahre ist gemeint, aber schon ihre jungen Schüler beziehen den Begriff auf die Gegenwart.

Unternehmensberater Johann (Max von Pufendorf), immer auf dem Sprung, ist ein abgebrühter Rationalisierungsmissionar, erledigt Entlassungen auch schon mal persönlich und hält Vorträge zu Themen wie „Vermeidung von Social Responsibility“ und „Maximierung der Mitarbeiter-Performance“. Und geht anschließend mit den Klienten ins Bordell.

Der Hospizarzt Herbert (Walter Kreye) wird auf sehr taktlose Art in den Ruhestand verabschiedet. Den will er nutzen, um endlich etwas von der Welt zu sehen. Doch seine schwermütige Lebensgefährtin Gudrun (Jutta Speidel) sperrt sich: „Wozu jetzt?“

Rosa (Paula Kalenberg) hingegen steht am Anfang ihrer beruflichen Karriere, arbeitet unter größten Termin- und Erfolgsdruck in einer Werbeagentur und erhält dafür nur ein Praktikantinnengehalt.

Der Verlagslektor Alfred (Martin Brambach) ist seit langem arbeitslos und muss als Werbefigur durch die Straßen laufen, um Sanktionen der Arbeitsagentur zu vermeiden. Als er sich beschwert, muss er sich noch herabsetzende Bemerkungen und Drohungen gefallen lassen.

Hanna (Birge Schade) ist die Therapeutin all dieser Figuren und empfiehlt ihnen ein Gruppenprogramm in der Märkischen Schweiz. In nur vier Tagen will sie ihren Klienten neue Lebensperspektiven eröffnen. Was eher auf Scharlatanerie hindeutet, denn Experten halten selbst die von den Kostenträgern veranschlagten fünfwöchigen Rehamaßnahmen für zu knapp bemessen. Aber Hanna hat ein Kompaktprogramm entwickelt. Nicht Ruhe, sondern eine Art Rosskur erwartet die Teilnehmer in ihrem Kurhotel. Eine kräftezehrende Waldwanderung mit gemeinsamem Hängebrückenbau und Übernachtung im Zelt mündet im Chaos. Hanna ist eine erprobte Therapeutin, aber bei dieser Gruppe aus Aufsässigen, Tölpeln, Witzbolden und Neurotikern zeigt sie bald selbst Anzeichen der Überforderung.

Tragik trifft Komik

„Mit Burnout durch den Wald“ von Autor Markus Altmeyer und Regisseur Michael Rowitz ist leichtere Kost für den Feierabend, beweist aber anschaulich, dass ein Unterhaltungsfilm nicht zwangsläufig in einem romantisierten Nimmerland spielen muss. Die Geschichte ankert im gesellschaftlichen Geschehen und blättert Berufsbiografien auf, mit denen sich viele Zuschauer identifizieren können: Überforderung, Entlassungsgespräche, das Ringen um Weiterbeschäftigung, die regelmäßige Vorstellung bei der Arbeitsagentur, die Vorurteile, mit denen sich Langzeitarbeitslose konfrontiert sehen. Tragik und Komik gehen hier Hand in Hand, Dialogwitz, eine Romanze, Slapstick-Momente geben der Handlung den unterhaltsamen Charakter, verwässern aber nicht das Anliegen. Damit gelingt eine heitere Bestandsaufnahme; es wäre vermessen, der Komödie einen Mangel an Ursachenerkundung vorzuwerfen. Dafür sind andere Genres zuständig.

Der Film überzeugt außer durch seine zugewandte, jeder Szene sensibel angepasste Bildgestaltung (Roman Nowocien) nicht zuletzt dank der Schauspieler. Klischees werden angenommen, sofern sie einen wahren Kern bergen; aber hinter den scheinbar stereotypen Rollen verbergen sich Menschen, die fortwährend und mit unterschiedlichen Verzweiflungsgraden um Selbstbestimmung, Orientierung, Würde ringen. Mit einer Ausnahme: Dem Routinier Martin Brambach unterläuft mehrmals der Schritt zur Karikatur, wenn der von ihm gespielte Alfred durch schlechte Witze und Albereien um Aufmerksamkeit und Anerkennung buhlt.

Der Wandel der Degeto

„Mit Burnout durch den Wald“ ist eine Produktion der Degeto. Hauptaufgabe des von den ARD-Landesanstalten gemeinsam getragenen Unternehmens war ursprünglich der Film- und Serieneinkauf; seit speziell das Angebot an US-amerikanischen TV-Filmen versiegte, produziert die Degeto zur Deckung des Programmbedarfs auch selbst. Der Firmenname wird, von den Verantwortlichen selbst verschuldet, seit einigen Jahren vor allem mit Schnulzen und seichten Komödien assoziiert.

Ähnlich wie zuvor das ZDF mit seinen Sonntagsfilmen, hat die Degeto indes mittlerweile einen anderen Weg eingeschlagen und setzt häufiger auf höherwertige Stoffe. Doch die Gleichsetzung von Degeto mit Schmonzette entsprach schon in früheren Jahren nicht vollends der Wahrheit. Als Produktionspartner war die Degeto auch beteiligt an Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“,  Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“, Thomas Arslans „Gold“, Ali Samadi Ahadis „45 Minuten bis Ramallah“, Ken Loachs „Bread and Roses“, Lars von Triers „Manderlay“, Patrice Chéreaus „Die Bartholomäusnacht“, an Dominik Grafs Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ wie auch an den preisgekrönten Mankell-Verfilmungen mit Kenneth Branagh …

„Mit Burnout durch den Wald“, Freitag, Das Erste, 20.15 Uhr

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen