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"Meuchelbeck" „Twin Peaks“ am Niederrhein

Keine beschauliche Regionalreihe: Die WDR-Serie von Stefan Rogall folgt nur scheinbar einem bewährten Muster und versammelt eine Vielzahl liebenswert skurriler Figuren.

25.08.2015 09:58
Tilmann P. Gangloff
Markus Lindemann (Holger Stockhaus) zeigt Sarah Lindemann (Janina Fautz) sein altes Zimmer. Sie darf jetzt darin wohnen. Foto: WDR/Ziegler Film/Frank Dicks

Es ist ein beliebtes Sujet, Menschen nach vielen Jahren in den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurückkehren zu lassen. Meist stellen sie fest, dass sie selbst sich ziemlich verändert haben, während zuhause alles gleich geblieben ist. Natürlich kommt es zu Zusammenstößen, weil die Daheimgebliebenen den vertrauten Fremden mit einer Mischung aus Misstrauen und Neid begegnen, zumal sie Angst vor Veränderungen haben; die Heimkehrer wiederum stellen fest, dass in der einst verachteten alten Heimat nicht alles schlecht war.

Bis zu diesem Punkt gehorcht die Rahmenhandlung der WDR-Serie „Meuchelbeck“, die trotz der in sich abgeschlossenen Episodenhandlungen eigentlich ein gut 270 Minuten langer Spielfilm in sechs Teilen ist, dem üblichen Muster: Markus Lindemann (Holger Stockhaus) ist vor rund zwanzig Jahren aus der niederrheinischen Kleinstadt Meuchelbeck nach Berlin geflohen. Was er in der Hauptstadt gemacht hat, weiß keiner so genau, weshalb die wildesten Gerüchten kursieren. Nun kommt er mit seiner 16 Jahre alten Tochter Sarah (Janina Fautz) in die von seiner Schwester Mechthild (Dagmar Sachse) geführte Pension der verstorbenen Eltern zurück und sorgt prompt für Unruhe in dem beschaulichen Ort, weil er Dinge infrage stellt, die für die Einheimischen selbstverständlich sind.

Das Drehbuch ist von Grimme-Preisträger Stefan Rogall (zuletzt „Besser als Du“), und der hat einen Reigen wunderbarer Figuren geschaffen. Die Meuchelbecker sind fast ausnahmslos skurril, aber jeder für sich genommen ist gerade noch haarscharf realistisch; erst die Häufung der schrägen Charaktere lässt den Ort absonderlich erscheinen. Die Inszenierung (Regie: Erik Haffner, Klaus Knoesel) unterstreicht diesen Eindruck noch; mitunter wirkt „Meuchelbeck“, als habe der WDR David Lynch gebeten, am Niederrhein ein neue Version von „Mord mit Aussicht“ im Stil seiner Kultserie „Twin Peaks“ zu drehen. Geschickt lassen Buch und Regie lange in der Schwebe, ob das Städtchen seinem makabren Namen tatsächlich gerecht wird oder ob es ganz natürliche Erklärungen für rätselhafte Phänomene wie etwa die verschiedenen Knochenfunde gibt. So vermuten zum Beispiel nacheinander Markus, seine Tochter und dann auch die hemmungslos in den Heimkehrer verknalle Polizistin (Anna Böger), die wortkarge Mechthild haben ihren Mann umgebracht und in einer eigens für diesen Zweck errichteten Wand im Gastraum des Lokals versteckt. Tatsächlich jedoch birgt die Mauer ein Geheimnis ganz anderer Art.

Geheimnisse sind ohnehin der Schlüssel zu fast allen Charakteren. Markus’ einstige große Liebe Julia (Karin Hanczewski) zum Beispiel hat nach seiner Flucht ohne Abschied kurzerhand seinen besten Freund Oliver (Christian Hockenbrink) geheiratet, was das Wiedersehen der beiden Männer nicht gerade erleichtert, zumal sie offenkundig nach wie vor viel für Markus empfindet. Oliver ist mittlerweile Immobilienmakler. Seine aktuelle Kundschaft, ein ausgesprochen sektiererisch wirkendes Ehepaar, will unbedingt die Pension der Lindemanns erwerben und daraus ein Heim für einen ominösen Verein zu machen. Eine reizvolle Figur ist auch der örtliche Pfarrer (Luc Veit), aus dem man lange Zeit überhaupt nicht schlau wird. Erkennbar neben der Spur ist allein Erwin (Claus Dieter Clausnitzer), auf dessen Schulter eine seiner verstorbenen Frau Hilde nachempfundene Puppe sitzt, mit der er sich regelmäßig unterhält.

Schon der liebevoll gestaltete Vorspann macht deutlich, dass „Meuchelbeck“ nichts mit den gern beschaulichen Regionalreihen gemeinsam hat, die die dritten Programme sonst zeigen, und auch Bildgestaltung (Tom Holzhauser, Till Müller) und Musik (Patrick Schmitz) haben großen Anteil an der ganz speziellen Atmosphäre dieser Miniserie. Allein das Licht in der Gastwirtschaft ist schon eine Kunst für sich. Ein besonderes Lob gebührt Produktionsfirma Zieglerfilm (Köln), die für den WDR auch „Die Anrheiner“ produziert hat, zudem für die Besetzung. Die Schauspieler sind alle keine typischen Hauptdarsteller, die man schon hundert mal gesehen hat, aber ausnahmslos ausgezeichnet, und sie passen vor allem perfekt zu ihren Figuren. „Meuchelbeck“ ist definitiv zu schade, um nur im „Dritten“ zu laufen. Der WDR hat sämtliche Folgen schon vor der Ausstrahlung in seine Mediathek gestellt. 

Folge 2 "Schicht um Schicht" am Montag, 31. August 2015

Folge 3 "Fremdenverkehr" am Montag, 7. September 2015

Folge 4 "Flagge zeigen" am Montag, 14. September 2015

Folge 5 "Ansteckungsgefahr" am Montag, 21. September 2015, 20.15 Uhr

Folge 6 "Die Hoffnung stirbt zuletzt" am Montag, 28. September 2015

jeweils um 20.15 Uhr im WDR Fernsehen

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