Lade Inhalte...

„Mein Schwiegervater, der Stinkstiefel“, ARD Schwank mit zeitkritischem Anliegen

Mit seinen Freitags-Melodramen hatte sich Das Erste nachhaltig einen schlechten Ruf erarbeitet. Diese Zeiten sind vorbei. Weiterhin gehört der Freitag dem Unterhaltungsfilm. Aber Themen und Machart haben sich gewandelt.

Wiebke (Marlene Morreis, hinten li.), Herbert (Robert Palfrader, 2. v. li.), Hans (Michael Gwisdek, Mitte), Rudi (Gerhard Wittmann) und Charly (Ferdinand Dörfler) sind perplex, als Lamai (Mai Duong Kieu) erklärt, dass Ottmar sie und Joe verheiratet hat. Foto: ARD Degeto/Kerstin Stelter

Im Kern war es ein Bauernschwank, womit Das Erste und dessen Produktionszweig Degeto ihre Kundschaft an diesem Abend unterhielten. Aber viele Bauernschwänke spielen längst nicht mehr zu Zeiten Ludwig Thomas, sondern in der Gegenwart. Und mit den Themen Fremdenfeindlichkeit und Sexismus konnte dieser Film aktueller kaum sein.

Der Bauer Hans Polack (Michael Gwisdek) war mehr als der stereotype bayerische Grantler, vielmehr ein hemmungsloser Wüterich, der seinem Sohn Joe (Stefan Murr) durch seine ungerechten Schimpfkanonaden allen Antrieb nahm und bereits dessen erste Ehefrau Wiebke (Marlene Morreis) vom Hof vertrieben hatte. Nun stand unerwartet eine andere Dame vor der Tür: Lamai (Mai Duong Kieu), eine Urlaubsbekanntschaft des Sohnes aus Thailand.

Die erste Regung des alten Widerborsts: Die Fremde muss vom Hof. Erst zögerlich, dann aber umso vehementer bekannte sich Joe zu Lamai, verwies den Vater sogar des Hauses. Dann die Wendung: Joe starb noch in derselben Nacht. Erst jetzt wurde offenbar, dass er und Lamai in Thailand geheiratet hatten. Und Lamai war als seine Erbin eingesetzt.

Schmerzhafter Spießrutenlauf

Für Lamai, die mit Blick auf eine gemeinsame Zukunft eigens Deutsch gelernt hatte, begann ein schmerzhafter Spießrutenlauf. Der Schwiegervater ein Ekel sondergleichen, die übrigen Dörfler unverhohlen rassistisch, sogar übergriffig. Und die Ex-Gattin des Verstorbenen spann allerlei Ränke, ihrer Nachfolgerin das rechtmäßige Erbe zu entreißen. Dennoch war Lamai entschlossen, zu bleiben und Joes Geschäftsidee, die Produktion von Apfelbranntwein, in die Tat umzusetzen. Sie ließ ihre Mutter (Soogi Kang) als Hilfe kommen, auch ihr kleiner Sohn Preecha (Liang Fan) fand in den verschneiten Bergen ein neues Zuhause.

Lamais Tatkraft trug ihr den Respekt des Schwiegervaters ein, der unbefangene Preecha stahl sich nach und nach in Hans Polacks Herz. Die Autoren Uli Brée und Sven Bohse hatten freilich vorgebaut, damit das Geschehen nicht zur vorweihnachtlichen Schnulze geriet. Die mehrfach als Kirchenbesucher gezeigten, aber wenig glaubensfesten Dorfbewohner wurden nicht bekehrt. Am Ende mussten Lamai und ihre Familie den Feindseligkeiten weichen. Aber Hans Polack wich mit und fand sich in Thailand unter Palmen wieder.

Treffsichere Inszenierung

Regisseur Sven Bohse fand für diese Geschichte exakt die richtige Linie zwischen Tragik und Komik. Wenn Hans Polack mit einem Hexenschuss im Kuhstall liegt, aber störrisch Lamais Hilfsangebot zurückweist und lieber unter Schmerzen rücklings ins Haus robbt, dann ist sein Verhalten lachhaft und entlarvend zugleich.

Die Autoren riskierten aber auch eine Szene, in der ein paar missratene Dorfjugendliche zu einer Vergewaltigung ansetzen. Ein weiterer Unterschied zu trivialer Flachware: Das Verhalten des „Stinkstiefels“ Hans Polack fand eine Erklärung in seiner Biografie – der alte Mann war einst nach der Verhaftung seines Vaters mit seiner Mutter aus der DDR geflüchtet, somit selbst ein Zugezogener, der sein Heimweh nie ganz überwunden hatte.

Am Ende fanden die Autoren wieder zum heiteren, erbaulichen Ton, versahen den Schluss aber mit einer ironischen Brechung. Auch dies ein Mittel, kitschiger Gefühligkeit vorzubeugen. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen