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Maybrit Illner zu G20 Nur einer legt den Finger in die Wunde

Bei Maybrit Illner war der G20-Gipfel Thema vor der Sommerpause. Doch eine Aufarbeitung der Krawalle oder eine spannende Diskussion gab es nicht, lag es an der Angst, dass die Gespräche wieder eskalieren?

Moderatorin Maybrit Illner
Bei Maybrit Illners Talk ging es ruhig zu. Foto: Imago

Maybrit Illners letzte Sendung vor der Sommerpause beweist wieder einmal die These, dass die Sendungen mit den unklarsten Themenvorgaben die ärgerlichsten und langweiligsten sind. Es gibt Diskussionsrunden, die verlaufen sich mit der Zeit in Nebensächlichkeiten und Exkursen und verlieren ihr eigentliches Thema irgendwann aus den Augen. Und dann gibt es Diskussionsrunden, die schon bei der Anmoderation durch einen ganzen Blumenstrauß an halb-aktuellen, halb-angerissenen und halb-interessanten Fragestellungen irren.

Woran also lag es, dass Maybrit Illner es nicht nur unterließ, eine strikte Einhaltung des Themas von ihren Gäste einzufordern, sondern zu dieser zerfahrenen, verwirrenden Alle-reden-über-alles-Katastrophe auch noch selbst aktiv beitrug? Dem Titel nach hatte man eine Aufarbeitung der gewalttätigen G20-Krawalle erwartet, wie sie gerade in den Parteien und bei konkurrierenden Sendern aufs Heftigste geführt wird. Warum also verbrachte man weniger als zehn Minuten mit diesem Thema und weitete stattdessen den „Scherbenhaufen“ auf einen symbolischen Begriff aus, der dann praktisch alle G20-Themen beinhaltete, wie Auf- und Abrüstung, die Krise der EU, Entwicklungshilfe, den Umgang mit Trump, Putin und Erdogan und die Flüchtlingshilfe? Bis hin zu einer Infotainment-Liveschalte nach Paris zu den aktuellen Macron-Trump-Gesprächen? Warum musste man alles diskutieren, so dass man letztlich nichts diskutierte?

War es Angst vor dem Thema? Am Vortag war eine „Maischberger“-Runde zu den G20-Krawallen prominent explodiert. Vielleicht wollte man eine solche Zuspitzung vermeiden? Stattdessen mäanderten auf der einen Seite die Politiker Hubertus Heil (SPD), Stephan Mayer (CSU) und Katja Kipping (Die Linke) und auf der anderen Seite die Sachspezialisten Albrecht von Lucke und Thomas Kleine-Brockhoff orientierungslos durch zwei sehr unterschiedliche Sendungshälften.

Nach einigen angenehm sachlichen Versuchen, sich zu den Geschehnissen in Hamburg zu positionieren, kam die (eigentlich recht abenteuerliche) Idee auf, dass dieses Thema noch im September die Bundestagswahl maßgeblich bestimmen wird - woraufhin zumindest die beiden Koalitionspolitiker sofort in den Wahlkampf-Modus wechselten, sich andauernd ins Wort fielen und erbittert um jede Formulierung und jede Schuldzuweisung stritten, als wären sie nicht beide seit vielen Jahren gemeinsam in der Regierung. Besonders absurd der Streit um den „Linksextremismus“, den der CSU-Mann seit Jahren vernachlässigt findet und auf das lächerliche Bundesbudget zu dessen Bekämpfung hinweist – nur um vom SPD-Generalsekretär daran erinnert zu werden, daß die Union das Innenministerium kontrolliert und den angeprangerten Missstand somit mindestens genauso zu verantworten hat.

Einen weiteren abrupten Themenwechsel hin zu Macrons Forderung nach deutscher Solidarität und zunehmender Investition in die Finanzverlierer Europas biegen die Wahlkämpfer direkt um – in eine Forderung nach mehr europäischer Solidarität von allen anderen Ländern, weil Deutschland in der Flüchtlingskrise so viel mehr auf sich genommen hat als alle Nachbarstaaten zusammen. Sehr patriotisch, vor der Wahl will natürlich niemand nationale Selbstzweifel oder auch nur gerechtfertigte moralische Kritik am derzeitigen deutschen Aufschwung aufkommen lassen.

Nachdem schon diese Diskussionen durch ständige Einspieler und Themenwechsel fragmentiert wurden, ergibt sich in der zweiten halbe Stunde wieder ein ganz neues Bild: Plötzlich steht die Flüchtlingskrise im Mittelpunkt, und auf die wiederholte Stichelei Illners, dass die großen Parteien diesem Thema im Wahlkampf aus dem Weg gehen – gehen die Parteien in dieser Diskussion gemeinsam dem Thema aus dem Weg. In Schlagworten wie Fluchtursachen, EU-Unterstützung und Entwicklungshilfe sind sich im Prinzip eh alle einig, man reibt sich zugegebenermaßen nur an Tonfällen und Formulierungen.

Selbst Katja Kipping bleibt lieber einsilbig

In dieser Hälfte kommen die klugen, ehrlichen und wirklich interessanten Punkte dann plötzlich von den Experten und (Ex-)Journalisten. In dem Fall von Kleine-Brockhoff, der mutig den Finger in die Wunden einiger nicht eingelöster Versprechen der moralisch so selbstgerechten Bundesregierung legt: „Man könnte und müsste viel mehr machen“; und von Lucke, der eine „Jahrhundertaufgabe“ ausgemacht hat und einen europäischen Marshallplan für Nordafrika fordert.

Die Politiker, selbst Kipping, die ein Buch zur Flüchtlingskrise geschrieben hat, bleiben angesichts solch visionärer Impulse lieber einsilbig – weder das moralische Dilemma, Menschen ihrer zerrüttete Heimat oder auf der gefährlichen Reise sterben zu lassen, noch die Erinnerung an die Größe und Komplexität dieser Aufgabe sind gerade Themen, mit denen man sich beim Volk populär macht. Und so bleibt Maybrit lllners letzte Sendung vor der Sommerpause eine erschöpfte, zerfahrene Angelegenheit, mit viel zu vielen Themen, die viel zu einfach ignoriert, abgebrochen oder ausgetauscht wurden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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