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„Maybrit Illner“, ZDF „Geben Sie ein Signal, Herr Spahn!“

Maybrit Illner ließ mit verlängerter Sendezeit und anderem Format über das Thema Pflege debattieren – der zuständige Minister wies vor allem auf erreichte Verbesserungen hin.

Maybrit Illner
Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen. Foto: ZDF/Carmen Sauerbrei

Seit Jahren kennt die deutsche Sprache auch den Ausdruck „Pflegenotstand“. Die Regierung Angela Merkels hat dem nicht abgeholfen. Doch ein junger Mann namens Alexander Jorde, Auszubildender in der Gesundheits- und Krankenpflege, setzte etwas in Bewegung, als er die Kanzlerin während einer Wahlkampfsendung in der ARD direkt anging und ihr Nichtstun vorhielt. Danach waren die unhaltbaren Zustände in der Alten- und Krankenpflege etwas schlechter zu verdrängen, sodass die neue Bundesregierung immerhin ankündigte, 8000 neue Stellen in der Pflege zu schaffen – ein schlechter Witz, wie viele der dort Beschäftigten und Experten finden.

Nun hat sich Maybrit Illner des Themas angenommen, gleich mit einer verlängerten Sendezeit und anderem Format, Titel der Sendung: "Ist die Pflege noch zu retten?" Auf der einen Seite Betroffene, ihnen gegenüber zwei aus der Politik: Jens Spahn, CDU, Bundesminister für Gesundheit, und Katja Kipping, Vorsitzende der Partei Die Linke, Regierung und Opposition also. Angehörigen von Pflegebedürftigen gegenüberzustehen, bedeutete für den Minister erneut eine Begegnung mit der Realität, und er war in dieser Runde nicht mehr so nassforsch wie bei seinen Äußerungen zu Hartz IV. Erst seit zwei Monaten im Amt, konnte er zum einen für die Misere nicht haftbar gemacht werden, andererseits immer darauf verweisen, was er auf den Weg bringen wolle. Doch vor allem versuchte er sich mit Hinweisen auf das bereits Erreichte aus der Affäre zu ziehen.

Dass das längst nicht genug ist und in der Pflege – eines der wichtigsten gesellschaftlichen Themen – katastrophale Zustände herrschen, machten die Betroffenen deutlich: Bettina Michel, die sich seit Jahren um ihren demenzkranken Vater, Schalkes Ex-Manager Rudi Assauer, kümmert, musste erfahren: „Wer zuhause pflegt, hat keine Lobby“. Ebenfalls daheim betreut Kornelia Schmid  seit fast 25 Jahren ihren unter Multipler Sklerose leidenden Mann. Aus ihrer Erfahrung, dass man „um alles kämpfen“ muss, hat sie den Verein „Pflegende Angehörige“ gegründet. Schon oft habe sie gedacht, dass die bürokratischen Bedingungen absichtlich so kompliziert gestaltet worden seien. Die Regisseurin und Autorin Ilse Biberti formulierte, sie habe ihre Eltern nicht pflegen, sondern mit ihnen leben wollen. Doch sie habe erstmal lernen müssen, was zu tun war. Und appellierte nun an den Minister: „Vertrauen Sie doch darauf, dass die Angehörigen Super-Experten sind.“

Die Experten in den Heimen wiederum können ihre Arbeit nicht fachgemäß verrichten: Sie sind zu wenige. Walter Keil, mit einem Berufsleben als Fachpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin, musste am Beispiel seiner Mutter erleben, wie „Pflege“ an absurdum geführt wurde. In der kirchlichen Einrichtung gab es nachts eine Pflegekraft für 50 Bewohner auf drei Etagen.

Martin Bollinger, stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Pflegeethik Initiative Deutschland“, kann das Wort von den „Einzelfällen“ nicht mehr hören. Das sei absurd. Denn viele Tausende Kräfte müssten in den Heimen tun, was sie nicht gelernt haben. Die Arbeit dort sei von Angst und Druck bestimmt. Er plädierte für einen Systemwechsel. So müsste die Einstufung nach Pflegegraden abgeschafft werden, denn dann gebe es keinen Anreiz mehr, die Menschen pflegebedürftiger zu machen – weil das den Besitzern der Heime mehr Geld bringt.

Spahns Antworten machen wenig Hoffnung

Katja Kipping stimmte zu: Wenn etwa Equity Fonds als Eigner auf den Plan träten, gehe es nur um Profit. Kippings Forderung, dergleichen  wie etwa in den Niederlanden, zu verhindern oder einzuschränken, ging dem Christdemokraten Spahn erwartungsgemäß zu weit. Er sei „grundsätzlich für Trägervielfalt“ und antwortete auf Illners Frage, ob die Politik das nicht regeln könne, er wolle „sich das nochmal anschauen“.

Auch Alexander Jorde war eingeladen und machte sich für die Tarifbindung in der Altenpflege stark.  Er wies darauf hin, dass im Schnitt die Fachkräfte nach 7,5 Jahren ihre Stelle verließen und die Teilzeitbeschäftigung massiv zugenommen habe. Man müsse das Bild des Berufs verändern, Pfleger stünden schließlich auf einer Stufe mit Ärzten und nicht unter ihnen: „Das ist ein schöner Beruf, eine eigene Profession.“ Und er forderte vom Minister ein Signal: „Wir haben verstanden!“

Die Antworten Spahns auf die Darstellungen der Betroffenen machten allerdings wenig Hoffnung, dass demnächst aus Berlin ein Signal kommt. Er wolle „nicht immer nur sagen, dass alles super sei“, beteuerte der Minister. Aber dann bat er doch, „in den Blick zu nehmen, dass in den letzten Jahren viel passiert“ sei. In der Krankenpflege nennt man sowas wohl ein Placebo.

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