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Maybrit Illner „Scheitern ist programmiert“

Maybrit Illner lässt über die Renten diskutieren. Deutlich wird, dass das System nicht mehr zeitgemäß ist – auch wenn das noch nicht alle begreifen wollen.

„Reiches Land, arme Rentner – Deutschlands Zukunft?“, fragt Maybrit Illner ihre Gäste. Foto: imago/Metodi Popow

Manchmal sind die nackten Zahlen ja doch von hoher Aussagekraft. 11,40 Euro müsste der Mindestlohn betragen, um die Grundsicherung zu erreichen. Während ein Beamter im Schnitt eine Pension von 2730 Euro erhält, erreicht ein Rentner im Schnitt nicht einmal die Hälfte: 1314 Euro. Wir haben in Deutschland drei Millionen altersarme Rentner, sagte Maybrit Illner bei ihrer jüngsten Sendung mit dem Thema „Reiches Land, arme Rentner – Deutschlands Zukunft?“

So sieht es tatsächlich aus, wenn sich nicht bald etwas ändert am System der Altersvorsorge. Das machte vor allem ein Gast deutlich, der weder Arbeiter noch Angestellter ist. Als „Solo-Selbständiger“ hat Sascha Lobo, Blogger und Autor, erst einmal wenig Chancen, eine Rente zu beziehen, von der er im Alter leben kann. Aber er hat den Blick für die Entwicklung der Arbeitswelt. Denn die verändere sich infolge der Digitalisierung und verlange von allen mehr Flexibilität. Die Notwendigkeit zu reagieren gelte ebenso für die sozialen Systeme. Und das der Rentenversicherung sei „eine Adenauersche Kutschkarosse“. Ziel sozialer Verbesserungen müsse doch sein, die Existenzangst abzuschaffen.

Darunter leiden etwa die ehemalige Gebäudereinigerin Carla Rodrigues-Fernandes und ihre Kolleginnen. Sie ist halbtags tätig, und selbst wenn sie nun vollzeit arbeiten würde, käme sie nur auf 800 bis 850 Euro Rente – unterhalb der Grundsicherung. Das will  Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) ändern. Sie musste erst einmal einräumen, dass man spät dran sei mit den Bemühungen, nutzte die Vorstellungen der Sozialdemokraten über eine Lebensleistungsrente dann rasch, um über ihr Wahlprogramm zu extemporieren. Wobei sie recht hatte mit dem Hinweis, dass es mit höherer Rente alleine nicht getan sei, auch bezahlbarer Wohnraum gehöre in ein Paket sozialer Verbesserungen.

Wer das alles bezahlen solle, fragte Paul Ziemiak, Chef der Jungen Union, schließlich gebe es immer weniger Kinder.  Er sagte klar, dass nicht jeder die durchschnittliche Rente werde erreichen können; für die wirklich Bedürftigen komme dann schon der Staat auf; es genüge beim aktuellen Rentensystem „an ein paar Stellschrauben zu drehen“.  Genau das genüge nicht, hielt Lobo dagegen. Die großen Parteien seien noch in der Starre des Festanstellungs-Systems verfangen, doch die Zahl der Arten zu arbeiten – Stichwort Home Office – nehme zu. Er kann sich andere Konzepte vorstellen, etwa eine steuerfinanzierte Rente, bei der alle in die Kasse einzahlen und auch ausbezahlt werden.

Das wäre eine Revolution für das Land (Schwesig nannte die Forderung ein „heißes Eisen“), denn noch gibt es die Privilegien von Beamten und Politikern, die von Zahlungen in die Rentenkasse verschont werden.

Dieses Thema wurde bei Illner endlich einmal ausführlicher angesprochen, auch weil Klaus Dauderstädt, Vorsitzender des Deutschen Beamtenbundes (DBB), in der Runde saß. Er wies auf die hoheitlichen Aufgaben von Beamten hin und darauf, dass der Staat mit deren Entlohnung seine Angebote an die Bürger quasi garantieren wolle. Aber welche Beamten wirklich hoheitliche Aufgaben wahrnehmen, fragte Illner darauf hin. Doch Dauderstädt wich aus und berief sich auf die Tradition... Das Problem sei im übrigen, dass die drei Säulen des Rentensystems nicht funktionierten. Er behauptete, dass Arbeitnehmer mit staatlicher und betrieblicher Rente auf die Höhe der Beamtenpensionen kämen, was Illner zurecht anzweifelte.

Sie fragte auch nach den Diäten und Pensionen von Politikern: Ein Einspieler zeigte, dass der nach einer Amtszeit nicht wieder gewählte 54-jährige Oberbürgermeister von Düsseldorf sich seinen Lebensabend  mit 4200 Euro im Monat  versüßen darf. Das müsse „hinterfragt werden“, formulierte Manuela Schwesig, und selbst der CDU-Mann fand, Abgeordnete sollten in die Rentenkasse einzahlen. Das System Österreichs, in jüngster Zeit oft zitiert, weil es die Rentner dort wesentlich besser stellt als hiesige, wurde diesmal nicht erwähnt, stattdessen das Drei-Säulen-Modell der Schweiz, wo allein die Grundsicherung 1062 Euro mindestens beträgt. Das tauge nicht wirklich als Vorbild für Deutschland, fand Sascha Lobo; bei hier geltenden System aber sei das Scheitern „einprogrammiert“; er verwies dabei auf eine Million Leiharbeiter. Denkbar sei auch das bedingungslose Grundeinkommen. Der Mann von der Adenauer-Partei hatte da eine ganz andere Lösung: „Wir brauchen eine wirtschaftsfreundlichere Politik!“ Das ist nun wirklich eine ganz tolle und brandneue Idee.

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