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Maybrit Illner „Die Ja-Sager sind türkische Reichsbürger“

Trotz gegenüber den Deutschen oder Sympathie für den Despoten? Maybrit Illner erörtert mit ihren Gästen das Abstimmungsverhalten der Deutsch-Türken.

Maybrit Illner
Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über die Türkei nach dem Referendum. Foto: ZDF/Carmen Sauerbrei

Irgendwann wurde es Maybrit Illner dann doch zuviel. „Sie sind echt zu bedauern“, kommentierte sie das wiederholte Lamento ihres Tischnachbarn. Denn Bülent Bilgi, Generalsekretär der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) hatte gerade wieder Benachteiligung beklagt. Als ob er nicht gewusst hatte, auf was er sich einließ bei der Einladung in die Talkshow. Die hatte diesmal das Motto „Erdogans deutsche Fans – stolz, frustriert und fremd?“

Und Bilgi zeigte auch gleich, dass er genügend Chuzpe besitzt, als Einzelkämpfer seine ideologischen Verdrehungen im Brustton der Überzeugung vorzutragen: „Aus der Perspektive der Türkei war das ein fairer Wahlkampf.“ Bezeichnend, dass der Funktionär der UETD,  offenbar die Lobby-Organisation der AKP, seine Meinung mit „der Türkei“ gleichsetzte.

Dabei gibt es außer bei Erdogan-Fans bei wohl niemandem Zweifel, dass die Abstimmung unrechtmäßig verlief. Die Redaktion hatte dazu sogar kleine Filmausschnitte parat, und der Bericht von Andrej Hunko, einem Offiziellen Wahlbeobachter des Europarates beim Referendum, tat ein Übriges. Er berichtete von Panzern vor Wahllokalen und feindseliger Behandlung durch die Polizei in den Kurdengebieten. Der Versuch, Bilgis, den Linken-Politiker mittels eines Fotos als PKK-Anhänger zu entlarven, wäre vielleicht erfolgreicher gewesen, hätte er nicht auch noch andere Wahlbeobachter diffamieren wollen. Da stieß er auf entschiedenen Widerspruch vor allem von Alexander Graf Lambsdorff (FDP),Vize-Präsident des Europäischen Parlaments.

Referendum unter der Bedingung des Ausnahmezustands

Ohnehin sei ein Referendum unter der Bedingung des Ausnahmezustands immer Wahlfälschung, befand Ali Ertan Toprak,Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland. Er wies auch auf die Tausende verhafteter HDP-Politiker hin, und überhaupt wurden Gegner des Referendums von der AKP ja gerne mit Terroristenfreunden gleichgesetzt. So gesehen wirkt auch die jüngst per Twitter verbreitete Forderung des Publizisten Jürgen Todenhöfer, man möge das Wahlergebnis „respektieren“, zumindest blauäugig, wenn nicht zynisch.

Ob sie eine Chance auf Korrektur des Ergebnisses durch die Justiz sähen, fragte Illner Graf Lambsdorff und Andrej Hunko. Beide verneinten ebenso wie Serap Güler, die Integrationspolitische Sprecherin der CDU im NRW-Landtag, die Bilgi wegen seines eigenartigen Demokratieverständnisses scharf anging. Der versuchte, die Verfassungsänderung schönzureden, aber sein Verweis darauf, dass ein Dekret des Staatspräsidenten vom Parlament auszuhebeln sei, ließ sich leicht entkräften: Der Quasi-Diktator kann ja per Parteizugehörigkeit zugleich bestimmen, wer ins Parlament kommt. „Sagen Sie mir bitte, dass der Mann Satiriker ist“, stöhnte Toprak nach Bilgis Exegese.

Die seit dem Referendum ständig diskutierte Frage, warum die Türken in Deutschland mehrheitlich für Erdogan gestimmt hätten, wurde angemessen differenziert erörtert: Von den dreieinhalb Millionen Türken in diesem Land haben nämlich gerade mal 14 Prozent, etwa 450.000, mit „Ja“ gestimmt. Viele seien wohl bewusst nicht zur Wahl gegangen, hätten Angst gehabt, die Konsulate nähmen ihnen die Pässe weg – so sei es einigen ergangen, berichtete Toprak. Die Ja-Sager charakterisierte er als „türkische Reichsbürger“,  die der neo-osmanischen Ideologie anhingen. Eine Trotz-Reaktion sah Toprak auch nicht. Und Protest aus Erfahrungen mit Diskriminierung durch die Deutschen, schloss Güler als Motiv aus, auch wenn es sie sicherlich gebe.

Bilgi beklagte – immer mal wieder auf dem Ticket der benachteiligten Minderheit fahrend – die geringe Zahl der Wahllokale, hatte aber auch eine andere, der Wahrheit wohl näher kommende Erklärung: „Beide Lager haben nach Sympathie entschieden“. Das bestätigte der dann in die Runde geholte  deutsch-türkische Unternehmer Mustafa Karadeniz. Er hatte mit Nein, seine Frau aber mit Ja gestimmt. Erdogan habe vor Jahren den „kleinen Mann“ stark geredet; nun werde er wegen der ihm zu verdankenden „schönen Türkei“ gewählt.  Viele Türken hier erkennten nicht, dass sich dieses Land „nicht über Fahne und Vaterland definiert“.

Waren wir zu blauäugig, fragte Illner. Die Antwort von Toprak und Karadeniz war ein klares Ja. Der Berliner Unternehmer, seit 44 Jahren hier lebend, wies darauf hin, dass in den Moscheen Kinder nach dem Wahlverhalten ihrer Eltern gefragt worden seien. Graf Lambsdorff findet, dass sich die der Regierung unterstehende Religionsbehörde Ditib verändert habe, seit die AKP die Re-Islamisierung der Türkei betreibe.

Und nun? Soll man das „Flüchtlings-Abkommen“ mit der Türkei kündigen, wollte Illner wissen. Güler will das nicht infrage stellen und sieht auch keinen Zusammenhang mit dem Referendum. Und man dürfe die fast 50 Prozent der Oppositionellen nicht im Stich lassen. Lambsdorff will aber die Beitrittsverhandlungen beenden. Alles andere sei unehrlich.  Was aber nicht geschehen dürfe, so Serap Güler, dass ein über ein Referendum zur Einführung der Todesstrafe auch in Deutschland abgestimmt werden könne. Aber genau das ist das Thema, mit dem der Möchtegern-Diktator am Bosporus die Geduld der Europäer und der bislang so brav still haltenden Deutschen noch eine Zeit lang strapazieren dürfte.

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