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Maybrit Illner: „Der Trump-Effekt“ Wurm in der Birne

Bei einer reichlich turbulenten und leider ziellosen Diskussionsrunde wird klar, dass keine Fraktion den Trump-Sieg wirklich versteht – aber jede ihn für ihre Zwecke nutzen möchte.

18.11.2016 07:43
D.J. Frederiksson
Bei Maybrit Illner ging es um das Thema "Trump-Effekt" Foto: imago/Metodi Popow

Mit erstaunlicher Sicherheit lässt sich bei der Einführung stets schon vorhersagen, ob die Diskussionsrunden bei Maybrit Illner konstruktiv ausfallen oder nicht. Und diesmal machte sich von Beginn an das ungute Gefühl eines viel zu weit gefassten und mit zahlreichen Vorurteilen belegten Themas breit. Denn zum einen versucht Illner ohne echte Not, den Sieg Trumps mit einer angeblichen Krise der Politik in Europa und natürlich auch in Deutschland zusammenzuschweißen.

Was folgt, war abzusehen: Der Sieg Trumps, an dessen Analyse sich selbst die US-Medien noch die Zähne ausbeißen, hatte genauso viele Ursachen wie es hier Diskussionsgäste gab. Und, welch Überraschung, jede dieser Meinungen hatte etwas damit zu tun, worin der Gast die deutschen Probleme verortet. Da wurden nicht nur Äpfel mit Birnen verglichen, es wurde auch anhand des Wurms im Apfel auf die Eigenschaften eines höchst spekulativen Birnenwurms gemutmaßt.

Warum das schiefgehen musste, konnte man am denkwürdigen Auftritt des CDU-Manns Jens Spahn erleben. In seiner ersten Ursachenforschung zum Thema Trump behauptete er, dass die Menschen wieder klarer ausdifferenzierte Parteien mit größeren Unterschieden brauchen – und verpanschte damit gleichmal eine deutsche Stimmungslage mit einem amerikanischen Wahlkampf, in dem sich aber nun wirklich gar niemand über mangelnde Polarisierung beschwert hat. Als er kurz darauf die angebliche Sorge der Deutschen vor integrationsunwilligen Flüchtlingen aus dem Giftschrank holte, machte er den gleichen Fehler nochmal – und bewies zugleich, wie schnell manche Menschen bereit sind, Böses mit Bösem zu bekämpfen. „Wir müssen die Bürger wieder mehr bei den Emotionen packen, weniger bei den Fakten“, proklamierte er gleich zu Beginn – gesprochen wie ein wahrer Populisten-Lehrling.

Spahns Beitrag zum Abend kam gediegen daher, blieb inhaltlich aber eine Farce: Erst mokierte er sich darüber, dass niemand am Tisch die Sorgen der Wähler ernstnimmt, dann hatte er selbst weder Ahnung noch Interesse an echter Ursachenforschung. Bei ihm war es natürlich mal wieder die „kulturelle Identität“, die ihm auch gleich als Ausrede diente, das zu ausländische Bild „wenn man durch die Straßen geht“ anzuprangern – nachdem er den Linken explizit die Rassismus-Keule verboten hatte, schwang er selbst fröhlich die „Ausländer belasten unsere Sozialsysteme“-Keule. Er fühlte sich von Trumps Wahlsieg sichtlich in seiner Meinung bestärkt. „Wir überlassen das den Vereinfachern, wenn wir nicht drüber reden“, rief er – und vereinfachte selbst schonmal munter drauflos.

Keine strikte Diskussionsführung

Auch die Moderatorin besudelt sich heute nicht mit Ruhm: Eine strikte Diskussionsführung mit Beschränkung aufs Thema blieb aus. Stattdessen durfte jeder seine Lieblingsthemen hervorkramen und Stichpunkte abreferieren. Und Illner selbst redete häufiger so, als hätten wir in Deutschland gerade Trump gewählt und nicht die USA. Daß Trump der unbeliebteste Kandidat der US-Geschichte ist und keineswegs „mehrheitlich gewählt“ wurde, wie sie behauptete; dass sein Wahlkampf keineswegs kluge Strategie sondern erratisches Chaos war; und dass hierzulande selbst in der erfolgreichsten Wahl der AfD 85% der Wähler nicht für diese Partei gestimmt haben – all das passte nicht so recht in den alarmistischen Tonfall. 

Dieser kam dem früheren FPÖ-Sprecher und Populismus-Insider Stefan Petzner gerade recht. „So kann es nicht weitergehen!“, polterte er, angeblich stellvertretend für die Wähler. Aber worin die Unzufriedenheit eigentlich besteht, das wurde niemals klar. Petzner (und ein knapper Einspieler) versuchten krampfhaft, sozialwirtschaftliche Probleme der Menschen herbeizureden, was angesichts der Wirtschaftslage der USA schwierig und angesichts der Rekordarbeitslosigkeit in Europas Wirtschaftsmotor Deutschland schlicht albern ist. 

Die Soziologin Philomena Poetis hatte wenig beizutragen und hielt sich, nachdem selbst Illner sie einmal böse auflaufen ließ, lieber ganz zurück. Und der wiederholte Versuch, ein AfD-Neumitgleid in die Runde zu integrieren, scheiterte erneut. Martina Böswald war etwas eloquenter als die bisherigen Exemplare, aber in der Königsdisziplin versagte auch sie kläglich: beim Versuch der Rechtfertigung ihrer neuen politische Heimat. „Schillernd“ war ihr Begriff für die rechten Elemente in ihrer Partei – und ihre Sicherheit, daß sich dieser rechte Rand „von alleine ableben“ wird, weil keiner diese Marktschreier hören will“, zeigte eine Woche nach der Wahl von Trump eine erstaunliche Naivität. Auch sie pochte auf den Abbau der sozialen Netze und auf die schwindende Leitkultur, als wären diese Positionen nicht längst widerlegt oder von ihrem Nachbarn von der CDU übernommen worden. 

Irgendwann wurde es Frank Stauss, der hier eher als pragmatischer Wahl-Demograph anstatt als ideologischer SPD-Linker auftrat, zu bunt: „Wir führen hier nur Scheindebatten, das ist doch alles Unfug“, platzte es aus ihm heraus. Er kam aber auch den ganzen Abend lang mit dem Fakten-Checken kaum hinterher, soviel wirre Einwürfe, wie hier verzeichnet wurden. 

Er nahm erstmal den Wind aus den Segeln des ständigen falschen Vergleichs zwischen den USA und Deutschland und und wies darauf hin, dass es die massive gesellschaftliche Spaltung wie in Amerika hierzulande einfach nicht gibt. Er stutze die Anwesenden auch mehrmals für ihr „Phrasen-Bingo“ zurecht und erinnerte daran, dass Trumps Erfolg eben nichts mit einer sozial schwachen Arbeiterschicht oder einem integrationsmüden rechten Rand zu tun hat, sondern mit der alternden Landbevölkerung, die anhand der Stadtflucht der Jungen trotz Wohlstands ein Gefühl des strukturellen Niedergangs hat. Und dass die realen Probleme in Deutschland nicht einen Deut besser werden, wenn man einen Ausländer abschiebt. 

Während Stauss der einzige am Tisch war, der ernsthaft an einer Analyse des Trump-Phänomens interessiert schien, konnte Sascha Lobo als einziger eine klare Vision für den Umgang mit der neuen Situation formulieren. Er wies die völlig unlogische, aber erschreckend weit verbreitete Schuldzuweisung gegen die Linke angesichts eines rechten Wahlsiegs klar zurück; er wehrte sich vehement gegen eine „Normalisierung“ Trumps durch die Positionen von Spahn und eine „Gelassenheit“, wie sie Petzner fordert. 

Am Ende konnte Petzner sich mit einem klugen Schlusswort doch noch für weitere Auftritte empfehlen, als er die Politiker anmahnte, den irrationalen Ängsten der Wähler eine klare Vision von Hoffnung entgegenzusetzen – was CDUler Spahn durchaus als Spitze gegen sein eigenes Auftreten an diesem Abend verstehen durfte. Und es fiel ausgerechnet dem sonst gerne konfrontativen Sascha Lobo zu, als Vermittler aufzutreten und die Demokraten jeglicher Couleur auf den gemeinsamen Kampf gegen undemokratische und menschenfeindliche Elemente einzuschwören. Der linke Flügel um Stauss und Lobo hatte an diesem Abend die kühleren Köpfe und die klügeren, konstruktiveren Argumente – hoffentlich gilt das noch etwas in dieser Zeit. Der starke Publikumsapplaus für diese beiden ließ auf jeden Fall hoffen.

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