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„Maybrit Illner“ Das Jahr der Verluste

Auch Maybrit Illner absolviert ihren Rückblick und fragt: „Wut, Werte, Wahrheit – wie hat uns 2016 verändert?“

Maybrit Illner und ihre Gäste schauen zurück auf das Jahr 2016. Foto: imago/Metodi Popow

„Mit Lügen, Drohungen, Krawall kommt man ans Ziel“ lautet der letzte Satz im Teaser-Filmchen für die letzte Sendung Maybrit Illners in diesem Jahr. Und damit war die fraglos einschneidendste Veränderung der vergangenen zwölf Monate thematisiert: die gewandelte Form unserer Kommunikation. Wobei schon das besitzanzeigende Fürwort „unsere“ problematisch ist. Denn wessen Kommunikation ist es, die sich da im virtuellen Raum des Internet abspielt, wenn niemand mehr weiß, wer da spricht, hier also: postet?

Womöglich ist Donald Trump dank der Arbeit russischer Hacker und ihrer Bots zum Präsidenten der USA gewählt worden – und mit Methoden, die zuvor nicht möglich gewesen seien: mit eindeutigen Lügen, Frauenverachtung, Fremdenfeindlichkeit. Auf diese „neue Qualität“ wies Sylke Tempel hin, Chefredakteurin der der Zeitschrift "Internationale Politik".  Jetzt schon agiere der Mann, als sei er zum König gewählt worden, und zwar auf Lebenszeit, fand? Sascha Lobo, Blogger und Medienexperte. So jemand als Präsident sei ein „Horror“.

Männer von diesem Schlag bestimmten einen großen Teil des Geschehens im zuende gehenden Jahr: Neben Trump der Massenmörder Wladimir Putin und der paranoide Egomane Recep Tayip Erdogan. Sylke Tempel sah den Autoritarismus wieder im Kommen und liberale Demokratien unter Druck. Die starken Männer und Populisten spielten die Karte „Identität“, und den Menschen sei das Gefühl wichtig, dass man sein Leben selber regeln kann. Das subjektive Sicherheitsgefühl sei vielen verlorengegangen, hat Franziska Giffey festgestellt, die ?Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln. Damit sprach sie das zentrale Gefühl an, das dieses Jahr geprägt hat wie kein anderes: Verlust.????

Giffey meinte die oft in dieser und anderen Runden zum Thema gemachte Angst vor Verlust der sozialen Stellung, vor vermeintlicher Konkurrenz durch „die anderen“, die derzeit mit „die Fremden“ gleichgesetzt werden. Andere Gäste griffen das auf.  Moderator Thomas Gottschalk sprach davon, er verliere „zusehends den Überblick“ wisse, obwohl nicht uninformiert, nicht mehr, was etwa EZB-Präsident Mario Draghi eigentlich mache: „Das Koordinatensystem ist mir verrutscht“.  Und den Politikern geht es vermutlich ähnlich – aber sie geben es nicht zu. Mehr Offenheit wäre hilfreich, befand Tempel, und Sascha Lobo präzisierte: Die „Vortäuschung der Nicht-Ratlosigkeit“ sei gefährlich. Das Jahr 2016 habe einen Warnschuss, einen Tritt vors Schienbein der Eliten gebracht. Denn viele Leute hätten kein Vertrauen mehr, fühlten sich verarscht. Und nun sei da eine große Wut.

Tempel bestand darauf, dass man Grenzen setzen müsse gegen den Hass. Illner fragte nach dem Reflex, sich gegen die Etablierten zu wehren. Aber die Auseinandersetzungen haben eine andere Qualität bekommen. Zofften sich früher Wehner und Strauß im Bundestag, so konnten sie doch, daran erinnerte Tempel, danach gemeinsam beim Bier sitzen. Heute werde der politische Gegner, siehe Trumps „Lock her up“ gegen Clinton, als Feind bekämpft. Giffey hat das vorherrschende Schwarz-Weiß-Denken bei  den Reaktionen auf ihre Facebook-Einträge  erfahren.

Das Internet sei das Ventil geworden, bestätigte Autorin Sineb al Masrar ? („Muslim Girls“): Den Reichsbürgern etwa könne man „mit einem ganzen Container voller Fakten kommen, da wird sich nichts ändern.“  Sascha Lobo hob das Neue hervor: Bei den Inszenierungen im Netz wisse man nicht mehr, wer dahinter steht. Das Mittel der Propaganda sei nun, so Tempel, Ängste zu verschärfen. „Nichts darf mehr wahr sein.“  Die Absicht Trumps etwa, die etablierten Medien mit Verleumdungsklagen zu bekämpfen (zu vernichten?), könne dazu führen, das Gespür für das, was Meinung, was Tatsache ist, vollkommen zu verwischen.  Renate Künast wurde eingeblendet, Opfer einer von Russen in die Welt gesetzten Falschmeldung,  bei Facebook weitaus häufiger geklickt als die Richtigstellung. Sie glaubt,  das sei eine Methode, die Demokratie zu zersetzen. Facebook ist eben teilweise zum Fake-Book geworden.

Lobo sah eine „wahnsinnige Herausforderung“ darin, sich dieser Veränderung zu stellen. Die sozialen Medien wirkten bereits als „fünfte Gewalt“. Wir hätten aber noch nicht herausgefunden, wie damit umzugehen sei. Franziska Giffey hat den Verlust der herkömmlichen Kommunikation bei der „Generation Wisch-und-weg“  in der S-Bahn registriert. Auch Entertainer Gottschalk will beobachtet haben, dass es kaum noch Austausch gebe, und sah sich in dieser Bilanz der Verluste zu einem Geständnis veranlasst: „Mein Zielpublikum ist mir auch irgendwie abhanden gekommen.“

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