Lade Inhalte...

"Maybrit Illner: Athen gegen alle", ZDF Söders Krawall bei Illner

Wirtschaftsexperten machen Illners Runde über Griechenland informativ - wenn da nur nicht ein bayerischer Politiker wäre.

Die Runde auf einen Blick (von links): Oskar Lafontaine, Markus Söder, Maybrit Illner, Margarita Tsomou, Marc Friedrich, Henrik Enderlein. Foto: Svea Pietschmann/ZDF

Immer wieder gilt es daran zu erinnern, dass Fernsehen, auch in seinen politischen Sendungen, in erster Linie Unterhaltung ist. Die Redaktionen von Talkshows etwa suchen die Diskutanten nicht nur danach aus, wer kompetent etwas zum jeweiligen Thema zu sagen hat - sondern auch danach, welche Gäste sich als Antipoden eignen. Nur so glaubt man, Farbe und Feuer in politische Debatten bringen zu  können.

Das kann aber auch schiefgehen. Wie, das zeigte die jüngste Ausgabe von Maybrit Illners Talkshow zum Thema „Athen gegen alle – Scheitert der Euro?“. Da hatte man zwei interessante Experten geladen, den Wirtschaftsprofessor Henrik Enderlein und den Fachbuch-Autor Marc Friedrich („Der Crash ist die Lösung“). Sie waren sich nicht einig, steuerten  aber immer wieder bedenkenswerte Informationen zur Krise um das gebeutelte Griechenland bei.

Aber sie hatten ein Gegenüber, das mit jedem Redebeitrag das Niveau der Debatte in den Keller schickte: den bayerischen Finanzminister Markus Söder. Was hatte der in dieser Runde zu suchen hatte, außer Krawall zu machen, weiß vermutlich allein die Redaktion. Sein Auftritt jedenfalls beantwortete diese Frage nicht – ebenso wenig wie er die Fragen Maybrit Illners beantwortete.

Und die Moderatorin stieg forsch ein und wollte wissen, ob nun Sturköpfe über das Schicksal Europas entscheiden würden, wenn sich erneut die Finanzminister der EU träfen? Söders Reaktion bestätigte die Befürchtung. Er betete immer wieder sein Credo herunter, dass Griechenland einmal beschlossene Verträge einzuhalten habe: Man habe dem Land geholfen, aber „jetzt muss auch geliefert werden“. Daran ist so ziemlich alles schief.

Die EU hat nicht dem Land geholfen, sondern den Banken, den deutschen und französischen zuvörderst. Griechenlands Schulden belaufen sich auf rund 320 Milliarden Euro, die  Schuldenquote beträgt 175 Prozent der Wirtschaftsleistung.  Zu Beginn des von der Troika vorgeschriebenen Sparkurses waren es nur 130 Prozent.

Tausende Menschen verloren ihren Job, die Renten wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit stieg drastisch an, ebenso wie Zahl der Selbstmorde und die Säuglingssterblichkeit. Aber die Reichen müssen immer noch keine Steuern zahlen – weil die Troika das, anders als die Einschnitte bei den Sozialleistungen,  nicht zur Auflage gemacht hatte.

Die Bevölkerung befand sich vor der Wahl in einem Zustand der Depression, sagte Margarita Tsomou, Herausgeberin desMissy Magazins und erklärte Syriza-Wählerin. Nun gehe es darum, die Schuldenspirale zu vermeiden, die die Folge wäre von einem weiteren Spardiktat.

Würde diese „ziemlich dumme Politik“ fortgesetzt, käme Griechenland nie wieder auf die Beine, glaubt auch Oskar Lafontaine. Und Maybrit Illner fragte folgerichtig CSU-Mann Söder: Wieso soll ein Programm, das die Schulden des Landes doch erhöht hat, nun eine Besserung der Lage bringen? Darauf antwortete Söder lieber nicht.

Stattdessen schwadronierte er davon, das die Griechen sich in die Euro-Zone „hineingemogelt“ hätten (als ob es damals nicht alle Entscheidungsträger gewusst hätten, wie es um die Finanzen Athens stand), und außerdem: Wenn Griechenland mit seinen Vorstellungen „durchkomme“, dann würden bald Italien, Irland oder Spanien folgen, und wir bekämen eine Schuldenunion.

Deutsche Banken und Unternehmer profitieren

Marc Friedrich wies darauf hin, dass die EU von den Griechen genau das Gegenteil jener Schritte fordere, die Deutschland seinerzeit in der Finanzkrise getroffen hatte (ein Beispiel: die „Abwrackprämie“). Und er fragte, warum noch jemand glauben könne, Hellas könnte Schulden zurückzahlen, wenn nicht einmal Deutschland, trotz Rekordeinnahmen und wirtschaftlich hervorragender Position, es schaffe, seine Schulden zu tilgen.

Dagegen hatte Söder kein Argument. Stattdessen schämte er sich nicht, in bester Manier des Populisten zu beklagen, dass man Deutschland zum Schuldigen erkläre. Was natürlich niemand tut.

Tatsächlich aber haben deutsche Banken und Unternehmer von der Situation profitiert. Friedrich erinnerte an den Niedriglohnsektor von 22 Prozent, kritisierte, wir würden durch die Niedrigzinsphase teilweise enteignet. Der Exportüberschuss jedenfalls spricht Bände, auch wenn es vielleicht nicht so schlicht funktioniert, wie Oskar Lafontaine es formulierte: „Wenn ein Land Überschüsse macht, müssen andere sich verschulden“. 

Was tun, wenn Griechenland aussteigt, wollte Illner wissen. Söder fand das „verkraftbar“. Experte Enderlein mahnte, die Verhandlungen nicht wie „Jungen auf dem Schulhof“ zu führen sondern zu bedenken, was die Griechen in ihrem Antrag vorschlagen. „Syriza hat ökonomisch gesehen in vielem recht“, befand der Wissenschaftler und warnte eindringlich vor einem Scheitern der Verhandlungen und einem „Grexit“: „Wir tun uns selber weh!“

Auch Deutschland würde direkt getroffen, eine große Unsicherheit wäre die Folge, und vor allem wäre der Euro-Raum keine Währungsunion mehr. Friedrichs Einwand, Währungsunionen hätten noch nie funktioniert, widersprach Enderlein: Das EU-Projekt des Freihandels habe Wachstum geschaffen. Und wenn Griechenland die Euro-Zone verlasse, würden andere folgen, Zypern sei dann der nächste Kandidat: „Der Euro-Raum kann nur wirtschaftlich stark sein, wenn es nur eine Währung gibt.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum