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„Maischberger“ Eine große Chance vertan

Die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ war Anlass für den Talk bei „Maischberger“. Die entscheidende Szene spielte sich erst nach etwa einer Stunde ab.

Maischberger, Folge 527
Zu Gast bei Sandra Maischberger (3.v.l.): v.l.n.r. Rolf Verleger (ehem. Mitglied „Zentralrat der Juden in Deutschland"), Gemma Pörzgen (Journalistin), Michael Wolffsohn (Historiker), Norbert Blüm (CDU) und Ahmad Mansour (Psychologe). Foto: WDR/Melanie Grande

Die Schlüsselszene spielt sich nach etwa einer Stunde ab. Rolf Verleger, früherer Psychologieprofessor und ehemaliges Mitglied im Zentralrat der Juden, sagte, dass die Juden die Völkerrechtsverletzungen Israels nicht tolerieren könnten. Ahmad Mansour, in Israel aufgewachsener Extremismusexperte, fiel ihm ins Wort und fragte: „Wie kommen sie von den Juden zu Israel? Wieso machen sie die Juden verantwortlich für die israelische Politik?“

Diese Frage, zu der die Runde in der TV-Sendung „Maischberger“ erst gegen Ende ihrer Sendezeit durchdrang, wäre eigentlich die gewesen, die nicht nur im Mittelpunkt der Diskussion hätte stehen müssen. Auch die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ hätte sich auf Fragen dieser Art, allein schon des Titels wegen, konzentrieren müssen.

Entscheidung, den Film nicht zu zeigen, war dumm

Stattdessen beginnt der Film, den Arte und der WDR eigentlich nicht hatten ausstrahlen wollen, dies am Mittwochabend aber doch taten, nachdem bild.de ihn in der vergangenen Woche 24 Stunden lang online gezeigt hatte, mit einer Rede von Mahmud Abbas vor dem Europäischen Parlament. In dieser unterstellte der palästinensische Präsident israelischen Rabbinern, die israelische Regierung zur Vergiftung der palästinensischen Wasserversorgung aufgerufen zu haben, was er hinterher korrigierte.

Die Autoren des Films bringen sich auch selbst ins Spiel und erwähnen explizit, dass „wir manches nur verstehen, wenn wir nach Israel fliegen“. Folglich spielen weite Teile des Films eben dort und im Gaza-Streifen. Beispielsweise kommen palästinensische Studenten und der ehemalige Chef des Geheimdienstes Lakam, Rafael Eitan, zu Wort. Ebenso werden arabische Fernsehausschnitte gezeigt, die den verbreiteten Judenhass unter Muslimen belegen sollen.

Faktencheck mit Hinweisen

Historische Hintergründe werden recht ausführlich mit Archivaufnahmen erläutert. Das kann man machen. Dass aber der Auftraggeber dann zu Bedenken gibt, dass die Abmachung anders lautete, ist nachvollziehbar. Um es klar zu sagen: Die Entscheidung, den Film nicht zu zeigen und den vorhersehbaren Konflikt um diese Entscheidung aussitzen zu wollen, war dumm. Aber auch wenn man den Streit anders und vor allem intern hätte moderieren müssen: Inhaltlich nachvollziehbar sind die vom WDR geäußerten und den Autoren nach eigener Darstellung mitgeteilten Bedenken.

Nun kann man natürlich, wie der Historiker Michael Wolffsohn, der bei Maischberger mitdiskutierte, sagen, dass man mit dieser Entscheidung einen Standard anlegte, der bei vielen anderen Filmen nicht angelegt werde. Wolffsohn verwies hier auf Filme über Geert Wilders und Goldman Sachs. Dieses Argument ist aber denkbar schwach. Die Konsequenz kann doch nicht sein, den Film über handwerkliche Mängel, die im Kern übrigens von kaum jemandem angezweifelt werden, einfach hinwegzusenden.

Wenn man einen Film, dessen journalistische Seriosität man in Frage stellen kann, unter dem Hinweis sendet, dass andere Filme auch Fehler beinhalten, schadet man der eigenen Sache. Der WDR entschied sich schließlich dazu, dem Film einen „Faktencheck“ an die Seite zu stellen. Dieser gibt zu mehr als 20 Stellen im Film einordnende Hinweise.

Angesichts der Ausgangslage schlug sich "Maischberger" gut

WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn sprach in der Sendung von „sieben Persönlichkeitsrechtsverstößen“ und „25 inhaltlichen oder journalistischen Mängeln oder Fehlern“. So wirft der Film Vorwürfe an NGO‘s auf, ohne diese mit der Kritik zu konfrontieren. Auch wurden Interviews mit Experten, etwa mit der Linguistin Monika Schwarz-Friesel, offenbar in einem anderen Zusammenhang geführt, als sie schließlich gezeigt wurden. Schwarz-Friesel sagt im Film über Antisemiten: „Sie sagen nicht Juden sind das Übel der Welt, sie sagen Israel ist das Übel der Welt.“ Im weiteren Verlauf wird aber nicht aufgezeigt, wo legitme Kritik an Israel aufhört und wo Antisemitismus anfängt.

Zudem weist der WDR darauf hin, dass die Filmemacher die Wissenschaftlerin zu ihrer Studie zur „Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ interviewten, für welche „dezidiert antisemitische Schriftstücke“ untersucht worden seien. Dieser Hinweis fehlt im Film, wodurch der Eindruck entsteht, sie spreche allgemein über die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus.

Angesichts dieser Ausgangslage schlug sich die Maischberger-Sendung recht gut. Unter anderen Voraussetzungen hätte das Paket aus Dokumentation und anschließender Diskussion zu einem Musterbeispiel für aufklärendes Fernsehen werden können. Doch natürlich bewegte sich die Diskussion in dem Minenfeld, in das Sender, Filmemacher und Außenstehende in den vergangenen Wochen geraten waren.

Film und Diskussion haben eine große Chance vertan

Der ehemalige CDU-Politiker Norbert Blüm kritisierte Israel wortreich für sein Verhalten gegenüber den Palästinensern und dass man schnell die böse Antisemitismus-Keule übergezogen bekomme, wenn man das tue, was er mache – und widerlegte sich selbst, denn die Keule kam nicht. Mansour berichtete, wie er als Jugendlicher mit Judenhass aufwuchs und diesen erst überdachte, als er begann in Tel Aviv „mit meinen Feinden“ zu studieren. Verleger berichtete davon, dass er aus dem Zentralrat der Juden zurücktrat, nachdem er für einen Auftritt vor muslimischen Jugendlichen kritisiert worden war. Die ehemalige Israel-Korrespondentin Gemma Pörzgen ärgerte, dass sich viele, auch Journalisten, an Israel abarbeiten würden, die noch nie dort waren.

All das war interessant, doch der Film gibt doch eigentlich vor, die Frage zu untersuchen, ob der Antisemitismus in Europa zunimmt und wenn ja weshalb. Hier hätte man zum Beispiel darüber diskutieren können, warum es sein kann, dass auf einer Demonstration gegen den Gaza-Krieg 2014 in Frankfurt, Hassparolen sogar über Polizeimikrofone verbreitet wurden. Demonstranten hatten dort die Überforderung der Polizisten ausgenutzt und unter dem Vorwand, beruhigen zu wollen, Zugang zu einem solchen Lautsprecher bekommen. Unter dem Strich haben Film und die anschließende Diskussionssendung eine große Chance vertan.

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