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"Maischberger: Die Vorurteilsfalle", ARD Vorbildlicher Austausch

Müssen Muslime kritische Textstellen aus dem Koran streichen? Und danach die Auge-um-Auge-Passagen aus der Bibel weichen? Eine weitgehend harmonische Runde bei Maischberger setzt lieber auf Austausch.

11.03.2015 08:15
Timo Lehmann
Moderatorin Sandra Maischberger. Foto: WDR/Peter Rigaud

Vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Terror, Gewalt in Paris und Kopenhagen beherrschen die Diskussionen, wenn es um den Islam geht. Doch wieviel hat der terroristische Islamismus tatsächlich mit dem gelebten Islam der muslimischen Deutschen zu tun? „Die Vorurteilsfalle: Gute Muslime, böser Islam?“, fragt die Talkrunde „Menschen bei Maischberger“.

„Religion gehört weder in den Kopf; noch aufs Papier, sondern ins Herz“, sagt der Schweizer Andreas Thiel. Der Satiriker erregt mit einer Streitschrift Aufsehen, die den Koran als grundsätzlich gewaltverherrlichend kennzeichnet. Fortschrittliche Muslime sollten in einer Reformation kritische Textstellen streichen.

„Sie sind für mich wie ein Hassprediger“, erwidert Ender Cetin. Der Vorsitzende der Berliner Sehitlik-Gemeinde weist aber sofort darauf hin, dass er seine Meinungsäußerung akzeptiere. Vielmehr komme es auf die Interpretation an. Negative Beispiele würden in der Öffentlichkeit zu viel Raum bekommen. Eine Reformation sei nicht notwendig, sicher aber eine dauernde Renovierung. Seine Gemeinde sei auf einem guten Weg, auch die Fragen jüngerer Mitglieder zu diskutieren.

Ein tausende Jahre altes Buch buchstäblich in die Moderne zu übertragen, hält Renate Künast für überzogen. „Im Alten Testament finden wir auch ‚Auge um Auge‘“, erinnert die frühere Bundesvorsitzende der Grünen. Gesellschaft und Politik hätten in Integrationsfragen lange versäumt, Angebote zur Integration zu schaffen. Nach langem Erkenntnisprozess werde dies nun nachgeholt. Künast fordert, Imame in Deutschland auszubilden.

Einen Missbrauch des Islams durch den Terrorismus sieht der ehemalige ARD-Hauptstadtkorrespondent Joachim Wagner nicht. „Damit mach es sich die Politik zu einfach.“ Man könne eine Gewaltbereitschaft aus dem Islam herauslesen, wenn man wolle, stellt der Fernsehjournalist fest. Es sei zwar eine Minderheit der Muslime, aber es gebe eine Parallelgesellschaft, die sich nicht einmal an das Grundgesetz halte und mit Friedensschlichtern eigenes Gesetz spreche.

Gut und kontrovers verstanden haben sich an diesem Abend der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn und die Komödiantin Idil Baydar. Die Niedersächsin wuchs mit türkischen Eltern in Zelle auf. „Es belastet mich, immer wieder mit den negativen Klischees in Verbindung gebracht zu werden.“ Dabei sei es etwas Schönes, türkische Wurzeln zu haben. Mit ihrer Kunstfigur „Jilet Ayse“ nimmt Schauspielerin die Vorurteile auf den Arm. Frauenfeindliche Hassprediger seien in keinem Fall repräsentativ für Muslime.

Jens Spahn warnt vor Denkverboten: Wenn in jeder Diskussion sofort der Vorwurf der Islamophobie komme, gebe es gar keine Diskussion mehr. Dringend müssten alle Imame in Deutschland die deutsche Sprache sprechen können, um einen religiösen Austausch zu ermöglichen.

Zum Schluss des interessanten 75-minütigen Talks gab es mehr gemeinsame Positionen als Streitfragen in der Runde. Wenn gesellschaftlich-religiöser Austausch zwischen christlichen und muslimischen Deutschen so gut funktioniert wie an diesem Abend, besteht Hoffnung, dass radikale auf der einen und rassistische Tendenzen auf der anderen Seite in Zukunft immer weniger Zustimmung finden.

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