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„London Beat – Musik als Revolte!“ bei Arte Gitarren und geballte Fäuste

Eine Arte-Dokumentation versammelt so unterschiedliche Interpreten wie Lonnie Donegan, die Beatles, The Clash, Faithless, Depeche Mode. Der gemeinsame Nenner: ihre Gesellschaftskritik.

Yoko Ono und John Lennon
Die Doku ist Teil des Programmschwerpunkts „Summer of Fish ‘n‘ Chips“ bei Arte. Foto: arte

Vor zwei Wochen eröffnete der Kultursender Arte seinen Programmschwerpunkt „Summer of Fish ‘n‘ Chips“ mit der sehr verzichtbaren Dokumentation „United Kingdom of Pop“. Zweckdienlicher wäre es gewesen, stattdessen den nun anstehenden, vom WDR produzierten Beitrag zu senden. Denn stellenweise funktioniert der Film von Claus Bredenbrock beinahe wie eine Korrektur, zumindest aber wie eine triftige Ergänzung dessen, was zuvor auf gleichem Sendeplatz ausgebreitet worden war.

Bredenbrock erkundet die Zusammenhänge zwischen den politischen und popmusikalischen Entwicklungen in London, ein Brennpunkt schon allein, weil sich hier lange Zeit Plattenfirmen und Medienbranche zentrierten. Als sich im Jahr 2003 Menschenmassen durch London schoben, um gegen Blairs und Bushs absurden Irakkrieg zu demonstrieren, standen sie in guter Tradition. Schon 1958 und danach gab es von London ausgehende Protestmärsche zur Atomwaffenschmiede in Aldermaston. Mit dabei: Jazz- und Skiffle-Musiker wie Ken Coyler.

Immer wieder werden diese Stilrichtungen als Spielart der populären Musik und ihre Breitenwirkung sträflich unterschätzt. Claus Bredenbrock geht in seinem Film ausführlich darauf ein und weiß sich darin einig mit dem im Punk wurzelnden Polit-Rocker Billy Bragg, der gerade in diesem Jahr das Buch „Roots, Radicals and Rockers: How Skiffle Changed the World“ veröffentlicht hat. Spätere Größen wie John Lennon, Roger Daltrey, Jimmy Page, Van Morrison fanden über den Skiffle zum Rock. Im Film tritt Billy Bragg als Experte auf, betont diesen Einfluss auf junge Musiker und vergleicht Lonnie Donegans Hochgeschwindigkeitsversion von Leadbellys „Rock Island Line“ mit der späteren Punk-Bewegung.

Der aus dem Blues gespeiste Skiffle wirkte musikalisch nachhaltig, und er war politisch. 1958 häuften sich in London die Übergriffe gegen Schwarze aus der Karibik. „No blacks, no dogs, no Irish“, lautete der Kampfruf der Rassisten. Während Politiker und Kirchenvertreter schwiegen, engagierten sich Jazz-, Skiffle- und Rock ‘n‘ Roll-Musiker für die Freundschaft zwischen den Völkern und Ethnien.

Den folgenden Jahrzehnten widmet sich Bredenbrock mit der gleichen Sorgfalt. Die eine oder andere Episode ist bekannt wie die um John Lennon, der 1963 bei einem Konzert im Prince of Wales Theatre vor geladenen Gästen witzelte: „Würden die Leute auf den billigen Plätzen bitte in die Hände klatschen? Der Rest kann einfach mit den Juwelen rasseln.“ Heute beschmunzelt, damals aber eine ausgemachte Provokation. Darin liegt der besondere Wert dieser Dokumentation: dass sie zu solchen oft kolportierten Anekdoten das nötige Hintergrundwissen liefert.

Sehenswert ist der Film zudem, weil Bredenbrock auch auf die rechte Seite schaut. Er erinnert an Eric Claptons rassistische Ausfälle 1976 in Birmingham. Clapton, der mit der Musik schwarzer Komponisten viel Geld verdient und mit Bob Marleys „I Shot the Sheriff“ gerade einen Top-Hit gelandet hatte, leistete sich keinen kleinen Ausrutscher, sondern ließ eine regelrechte Tirade vom Stapel: „Irgendwelche Ausländer im Publikum heute Abend? (...) Ich glaube, ihr solltet alle einfach abhauen. Nicht nur aus der Halle, auch aus unserem Land. Ich finde, wir sollten sie alle zurückschicken. Großbritannien darf keine schwarze Kolonie werden. Schmeißt die Ausländer, die Kanaken, die Nigger raus. Großbritannien soll weiß bleiben.“

Clapton wetterte gegen Briten arabischer, karibischer, afrikanischer Herkunft und rief dazu auf, den Rechtsradikalen Enoch Powell zu wählen. „Ich denke, Enoch hat recht. Wir sollten sie alle wegschicken.“

Ein Leserbrief, der Clapton kritisierte, wurde Auslöser einer starken Protestbewegung: „Rock Against Racism“. Die wiederum hatte auch musikalische Auswirkungen, weil sich hier Punks, Singer-Songwriter, Rocker, Rastas zusammenfanden. Neue Stilmischungen entstanden, abzulesen zum Beispiel an der Entwicklung von The Clash oder The Slits. In diesem Zusammenhang erinnert Bredenbrock auch an Tom Robinson, der eine führende Rolle in der antirassistischen Bewegung einnahm und sich zudem als offen schwul lebender Rocker für die Gleichberechtigung von Homosexuellen stark machte. Seine Songs wie „Power in the Darkness“ – der Platte war eine geballte Faust als Sprühschablone beigelegt –, „2-4-6-8 Motorway“ und die Ballade „Glad to Be Gay“ waren damals in vielen Rock-Diskotheken zu hören.

Als Klammer dienen dem Film die Verhältnisse des Jahres 2017, das wegen des Brexits in die Geschichtsbücher eingehen wird. Der Soundtrack dazu stammt von Depeche Mode: „Where's the Revolution“ fragt die Band pessimistisch auf ihrem aktuellen Album.

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