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Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe Gespräche mit dem Biest

Das ungewöhnliche Doku-Drama um die NSU-Beschuldigte Beate Zschäpe lässt Spannung, Vollständigkeit und sogar Realismus außen vor, um sich auf das Wichtigste zu konzentrieren: Den Versuch eines Porträts.

26.01.2016 09:16
Von D.J. Frederiksson
Beate Zschäpe (Lisa Wagner) in Begleitung der BKA-Beamten Troller (Rollenname geändert; Joachim Król) und Dietrich (Rollenname geändert; Christina Große). Foto: ZDF und Janett Kartelmeyer

Paradoxerweise ist dies vielleicht tatsächlich die erste Annäherung an Beate Zschäpe, diesen dunkeln Geist Deutschlands, der uns alle noch lange umtreiben wird. Die posthume Informationspolitik des NSU hat dafür gesorgt: Jahrelang arbeiteten sie außer Sichtweite zumindest der Medien, und mit einem Schlag war die Faktenlage ebenso überwältigend wie verwirrend und widersprüchlich. Der Prozess sollte ein Symbol des gesellschaftlichen und rechtsstaatlichen Widerstandes gegen den rechten Terror sein. Statt dessen hat er mit widersprüchlichen Zeugenaussagen, nicht-existenten Opfern, grotesken Verstrickungen des Verfassungsschutzes und hinhaltenden Verfahrensfragen mehr Kuriositäten als Klarheit an die Öffentlichkeit gebracht.

Es gab Reportagen, Bücher und Berichte, aber alles konzentrierte sich auf die Fakten. Erklärungen, so der Gedanke, würden irgendwann später schon noch kommen. Es wurde also Zeit, das Gesammelte einmal durchzusieben auf seine Essenz – das Emotionale.
Es ist ein Job wie geschaffen für Raymond Ley und seine Frau und Co-Autorin Hannah Schröder. Dazu muss man wissen, dass Grimmepreisträger Ley sich zu so etwas wie dem deutschen Dokudrama-Chronisten aufgeschwungen hat. Spendenaffäre, Eschede, Jahrhundertflut, Oberst Klein, Anne Frank – ohne sensationalistische Aufreger, sondern nüchtern und stilsicher arbeitet er sich durch die Themen. So auch hier. Anhand der nüchternen Protokolle zweier Ermittler, die Zschäpe 2012, noch vor dem Prozessbeginn, zu einem Familienbesuch der kranken Großmutter nach Gera begleiten und mehr oder weniger vergeblich versuchen, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Für den Anfänger ist hier so einiges gewöhnungsbedürftig: Der Genremix zwischen Dokumentarfilm, Spielfilm und Essay; das Ineinandergreifen von fiktiven Dialogen, inneren Monologen, eingespielte Nachrichtenschnipseln, nachgespielte Gerichtsszenen und realen Interviews mit Experten. Der Film springt zwischen diesen Medien und den Zeitebenen hin und her. Anfangs versucht man, Schritt zu halten. Dann gerät man in einen eigentümlichen Sog und versteht: Es geht nicht um reale Szenen oder auch nur realistischen Schein. Es geht auch nicht um eine schlüssige Beweisführung. Es geht um etwas ungleich Wichtigeres: Stimmungsbilder. Der kollektive, enthemmte, ideologische Irrsinn der NSU-Zelle in den aktiven Tagen. Die versteinerte Beschuldigte auf dem Transport. Und die gesammelte, selbstgefällige Angeklagte im Prozess. Alles mit dem einen Ziel: Meinungen zusammenzutragen, wer diese Frau ist. Anführerin? Muse? Dulderin? Mitläuferin? Opfer?

Aus dieser Frage entsteht alle Spannung. Die Rolle des Verfassungsschutzes, die einen V-Mann Sekunden vor der Tat an einem der Tatorte hatte; der jahrelange, nicht erst im Rückblick erschreckend unlustige Slapstick der Ermittlungsbehörden (wenn es denn Ungeschick war und nicht Absicht), die nach Mordmotiven in den Familien der Opfer suchten und haarsträubend aggressive Verhöre führten – all das wird kurz angerissen, bleibt aber randständig. Aber obwohl sich Zschäpe während der titelgebenden Fahrt letztlich des Gesprächs verweigert, findet Ley auch klare Antworten.

Zum Beispiel gelingt es ihm, den Widerspruch endlich abzulösen, an dem sich die Prozessbeobachter seit Beginn des Verfahrens die Zähne ausbeißen: In ihrer offiziellen Aussage stellt sie sich als Nichtwisserin hin, als Unschuldige, beinahe als Opfer. Aber ihre Körpersprache, ihr Gestus, ihre arrogante Haltung, sprachen vom ersten Prozesstag an eine andere Sprache. Lisa Wagner leistet erstaunliche Arbeit dabei, diese Frau darzustellen, der es bei aller Aussageverweigerung zutiefst zuwider ist, ihr Licht so unter den Scheffel zu stellen. Auch die herablassend-desinteressierte Maske, die Zschäpe vor Gericht trägt, hat Wagner gut drauf. Die Verachtung. Die immer wieder durchscheinende Arroganz, sich selbst für klüger, besser, ausdauernder zu halten. Zudem das Baden in der Aufmerksamkeit, der Versuch, geheimnisvoll und ausweichend zu bleiben. Ihre Freude an der kleinen Provokation. Ihre ständige Insistenz der eigenen Stärke. Die Zufriedenheit, dass ihr Fall „einzigartig“ ist. „Sowas wie mich hat's noch nie gegeben, oder?“

Kein Wunder, dass die Künstlichkeit dem Film nicht schadet: Jeder hier spielt eine Rolle. Und jeder andere weiß es. Natürlich ist das ein Fest für Schauspieler, und neben Wagner spielen auch Joachim Król, Christina Große und Axel Milberg begeisternd auf. Vor allem aber ist es eine zutiefst faszinierende Freude für Zuschauer, endlich hinter die langsam durchtropfenden Fakten zu schauen und eine Frau, eine politische Richtung und ein Land so subtil, vielschichtig und mit offenem Ende analysiert zu sehen. Die Antworten werden noch ein paar Jahre auf sich warten lassen, aber die richtigen Fragen werden endlich gestellt.

„Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe", ZDF, Dienstag, 26. Januar, 20.15 Uhr. Im Netz: ZDF-Mediathek

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