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„Lerchenberg“, ZDF Stirb langsam im Sportstudio

Im ZDF startet die zweite Staffel von „Lerchenberg“, einer außergewöhlichen Serie, deren Autoren kundig TV-Geschichte und Populärkultur zitieren und selbstbewusst Anstaltsmechanismen wie auch publizistische Erscheinungen karikieren.

Sascha (Sascha Hehn) und Billie (Eva Löbau) sitzen auf einer Bank und lutschen Eis. Foto: ZDF/Christopher Aoun

Allen Unkenrufen und manchen Fehleinschätzungen zum Trotz: Auch in Deutschland werden hochwertige Serien produziert. Sogar solche, die nicht eng an ausländische Vorbilder angelehnt sind. Eine der eigenwilligsten und frechsten Serien entstand in einem Sender, von dem man dergleichen nicht unbedingt erwartet hatte: dem ZDF. Genauer gesagt in der dortigen Redaktion Das Kleine Fernsehspiel. Überraschend an „Lerchenberg“ ist weniger die zeitgemäße Machart als vielmehr die Bissigkeit, mit der der eigene Sender angegangen wird. Im ZDF und auch bei anderen Anstalten wird oftmals Klamauk als Satire verkauft, diese Serie fällt wirklich in dieses Fach.

Die erste Staffel erzählte davon, wie die Jungredakteurin Sybille „Billie“ Zarg (Eva Löbau) hoffnungsfroh neue Programmideen zu realisieren versuchte. Davon blieb bald nicht mehr viel übrig. Sie bekam stattdessen den Auftrag, ZDF-Alt-Star Sascha Hehn zu einem Comeback zu verhelfen. Der gilt als eitel, selbstgefällig und unbegabt. Bis heute zehrt er von der Popularität, die er einst mit dem Dauerbrenner „Die Schwarzwaldklinik“ gewinnen konnte. In der Serie möchte er weg von den leichten Stoffen, er sieht sich als Charakterdarsteller. Billie hatte und hat ihre liebe Mühe mit dem Egozentriker. Am Ende der ersten Staffel wurde Hehn dann neuer Kapitän auf dem „Traumschiff“. Was bekanntlich mit den Tatsachen übereinstimmte.

Die zweite Staffel beginnt mit einem Nachruf auf Hehn. Prominente wie Wayne Carpendale, Jan Böhmermann und Iris Berben sprechen ihre Erinnerungen in die Kamera. Kommentare mit meist hinterhältiger Bedeutung. Roberto Blanco beispielsweise sagt: „Dass man mich nicht ernst nimmt, musste ich mir hart erarbeiten. Aber ihm flog das einfach zu.“

„Nicht so eilig“, tönt es da aus Richtung Tür. Sascha Hehn lebt und verhält sich so großspurig wie eh und je. Aber die beiden Nekrologen, Redakteur Bode (Stephan Kampwirth) und sein Schnittmeister, können ihn zähmen. „Wenn Sie noch unzufrieden sind – wir haben da noch etwas aus Ihrem Frühwerk hier“, sagt der Cutter listig und hält plötzlich Videokassetten mit pikanten Titeln wie „Nackt und heiß auf Mykonos“ in der Hand.

Giftige Seitenhiebe

Mit bewundernswertem Mut lässt sich Sascha Hehn in dieser Serie rigoros veralbern. Andere trifft es nicht minder heftig. Es hagelt giftige Seitenhiebe auf ZDF-Institutionen wie das sonntägliche romantische „Herzkino“ – das hier zum Gegenstand eines Skandals wird, der nicht von ungefähr an reale Ereignisse erinnert –; die Boulevardsendungen des Hauses und ihre Mitwirkenden bekommen ganze Breitseiten ab. Auch Iris Berben verulkt wacker ihr Image. In Folge eins fungierte sie als ZDF-eigener Schauspiel-Coach. Sascha Hehn wurde abgeordnet, einen zweiten Gesichtsausdruck zu lernen. So wie vor ihm schon die Veronika, der Götz, der Til und viele andere Thespisjünger der höheren Gagenklassen.

Das meiste Vergnügen finden jene Zuschauer, die mit älteren ZDF-Programmen wie der „Schwarzwaldklinik“ noch vertraut sind. Aber auch die Jungen werden bedient – mit parodistischen Anspielungen etwa auf „The Walking Dead“ oder auch auf „Stirb langsam“, wenn es Sascha Hehn im Alleingang mit einer Gruppe von Maskierten aufnimmt, die das „Aktuelle Sportstudio“ kapern und alle Fußballübertragungen unterbinden wollen, bis Jan Böhmermann – er spielt sich selbst – eine große Abendshow im Zweiten bekommt.

Galliger Humor

Dies sind die grelleren Momente der Serie, ihre Qualität liegt aber vor allem in den leisen, unterschwelligen Tönen. Hier wird nur selten lärmig auf Pointe gespielt, der oft gallige Humor verbirgt sich bisweilen in einem Nebensatz, im Tonfall, in einem mimischen Kommentar. Solche liefert zum Beispiel das Sascha-Hehn-Poster in Billies Büro, das gelegentlich lebendig wird und das Geschehen gestisch, manchmal in obszöner Manier, kommentiert. Zur Geltung kommt die Komik nicht zuletzt, weil sie mit bitteren, auch rührenden Szenen versetzt wird, weil die Autoren und Regisseure echten menschlichen Gefühlen gebührend Raum lassen.

Auch eine solche serielle Mediensatire ist natürlich nicht ohne Vorbilder. Dazu zählen legendäre Serien wie die Late-Night-Parodie „The Larry Sanders Show“, „30 Rock“ oder, von der Humorauffassung her in besonderem Maße, die britische Serie „Extras“ von Ricky Gervais, der zuvor „The Office“ (deutsch: „Stromberg“) erfunden hatte. „Lerchenberg“ hat deren Witz, ist aber kein unmittelbarer Abklatsch, sondern besitzt eine gesonderte Tonart und vor allem eigene, genuin deutsche Themen. Die ZDF-Programmhändler werden deshalb vermutlich unzufrieden sein: Für den Auslandsverkauf ist „Lerchenberg“ kaum geeignet –  außerhalb des deutschen Sprachraums würde man viele der anspielungsreichen Gags gar nicht verstehen.

Kaum nachvollziehbar ist wieder einmal die Programmpolitik des Senders. Die zweite Staffel von „Lerchenberg“ startete am Freitag, die übrigen, jeweils 25-minütigen Folgen werden am Montag, 21.9., ab 0.10 Uhr en suite ausgestrahlt. Wiederholungen gibt es ab Donnerstag, 24.9., zu unregelmäßigen Sendezeiten bei ZDFneo. Am ehesten auffindbar ist „Lerchenberg“ noch in der ZDF-Mediathek

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