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„Lehman. Gier frisst Herz“ Schnelles Geld

„Lehman. Gier frisst Herz“: Dem Regisseur Raymond Ley gelingt eine spannende Aufarbeitung des weltweit bisher größten Finanzskandals.

Lehman. Gier frisst Herz
Arno Breuer (Joachim Król) spielt den Bankbeamten aus dem Bilderbuch. Foto: HR/AVE Publishing/Dominik Berg

Er ist der Bankbeamte wie aus dem Bilderbuch. Korrekt gekleidet in unauffälliges Grau, und freundlich im Umgang mit seinen Kunden, die er oft schon lange kennt. Was er noch nicht kennt, sind die neuen Töne aus der Chefetage. Entrüstet ist er über die Forderung, zunächst die Gewinne der Bank im Blick zu haben und dann erst das Geld der Anleger. Er denkt noch in Sparbüchern; aber die sind für die Neuen im Management nur noch Altpapier. Sie denken in Rendite. 

Joachim Król hat schon viele Rollen in Film und Fernsehen gespielt, zuletzt einen fiesen Verfassungsschützer im „Polizeiruf“, und als Sparkassenangestellter Arno Breuer liefert er ein Meisterstück ab. Weil er diesen aus der Zeit Gefallenen so beeindruckend verkörpert, können Regisseur Raymond Ley und Autor Dirk Eisfeld an seiner Figur den Tempowechsel sichtbar machen, der zu Anfang des Jahrhunderts die Welt mit Hilfe der Digitalisierung erfasst hat: Schnelles Geld, schneller Aufstieg, schneller Absturz. 

„Lehman. Gier frisst Herz“ heißt der Film, und Ley und Eisfeld schaffen es, die Hektik, die Nervosität und die Brutalität eines Gewerbes zu vermitteln, dessen Krise weltweit katastrophale Folgen für unzählige Menschen hatte – nur nicht für die Verantwortlichen. Richard Fuld, zur Zeit des Konkurses von Lehman Brothers deren Vorsitzender, lässt es sich mit Boni-Millionen als Kunstsammler gutgehen. Josef Ackermann, als Chef der Deutschen Bank Mittäter, ist nicht mal vorbestraft und darf seit 2014 den Verwaltungsratspräsident der Bank of Cyprus spielen.

Ackermann wie auch andere Größen des Finanzkapitals haben ihren Auftritt in Leys Film. Denn der verbindet Fiktion mit Dokumentation – ein angemessener Umgang mit dem Thema: Soll keiner auf die Idee kommen, das sei alles erfunden. Ist es nicht. 

Wer seinerzeit die Demonstrationen der Geschädigten vor den Sparkassen-Filialen gesehen hat, weiß, dass zum Beispiel die Restaurantbesitzer Claudia und Torsten Büttner (Susanne Schäfer und Oliver Stokowski) mitten aus dem Leben gegriffen sind. Wie sie haben Tausende ihr Geld auf Anraten ihrer Bank in Papieren angelegt, die mit der Lehman-Pleite nur noch das waren: Papier. Tatsächlich äußern sich auch einige Opfer des Lehman-Skandals. Ihnen allen ist gemeinsam: Sie hatten keine Ahnung vom drohenden Unheil, weil sie ihrem „Bankbeamten“ vertraut haben. 

Raymond Ley vermag es, mit einer rasanten Montage (Schnitt: David Kuruc) und dokumentarisch wirkenden Szenen aus Frankfurt (Kamera: Dominik Berg) die auseinanderdriftende Lebenswirklichkeit der „normalen“ Bürger und der Investment-Banker in Bilder zu fassen. Gier regierte die Welt, und der Tanz ums Goldene Kalb wurde online aufgeführt.
Karl Dannenbaum, Ex-Geschäftsführer von Lehman Deutschland, ist real mit seiner heutigen Bewertung der Ereignisse und als fiktiver Charakter eine zentrale Figur, auch selbst ein Getriebener von den Machenschaften der Bankzentrale in den USA. Wie auch die Politiker: Selbstverständlich zeigt Ley noch einmal die leeren Versprechungen Angela Merkels und Peer Steinbrücks (damals Finanzminister), das Geld der Sparer sei „sicher“. Heute muss Steinbrück zugeben, man habe 2008 einen „Kontrollverlust“ erlitten. 

Die enge Verzahnung von Realität (mit Interviews) und Schilderung des Schicksals von fiktiven Bankkunden bewahrt den Film davor, in Klischees abzugleiten. So ist Ley eine spannende Aufarbeitung des weltweit größten Finanz-Skandals gelungen, an dessen Ende sich auch das Bild des Sparkassen-Angestellten Arne Breuer radikal verändert hatte: Aus dem Bankbeamten wurde der „Bankster“. 

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