Lade Inhalte...

„Lebenslinien: Irmgard und die Widerstandssocken“ Annäherung an eine „Kriminelle“

Der renommierte Dokumentarfilmer Claus Strigel kehrt zurück nach Schwandorf, wo Mitte der 80er die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf gebaut werden sollte. Unter den Gegnern war eine 55-jährige Hausfrau. Strigel hat sie erneut besucht.

Irmgard Gietl
Die Oberpfälzerin Irmgard Gietl wird zur Aktivistin, als Mitte der 1980er-Jahre in ihrer Nachbarschaft die atomare Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf gebaut werden soll. Foto: BR

Im Jahr 1985 begleiteten Claus Strigel und Bertram Verhaag, zwei renommierte zeitkritische Dokumentarfilmer, die Vorgänge um die Planung und den Baubeginn der nuklearen Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Ein Thema, das sie noch häufiger beschäftigen sollte. Ihr abendfüllender Dokumentarfilm „Spaltprozesse – Wackersdorf 001“ lief mit Erfolg im Kino und wurde mehrfach preisgekrönt.

Aus heutiger Warte sind die damaligen Aufnahmen wichtige Zeitzeugnisse. Sie dürften auch hilfreich gewesen sein für den Stab des Kinofilms „Wackersdorf“, der jüngst im Rahmen des Münchner Filmfests gezeigt wurde und voraussichtlich im Oktober in den Filmtheatern startet.

Zwei der Protagonisten, die dort von Schauspielern verkörpert werden, stehen im Mittelpunkt von Claus Strigels Beitrag zur Reihe „Lebenslinien“: der Landrat Hans Schuierer, der sich vom Befürworter der Anlage zu einem leidenschaftlichen Gegner wandelte und zum Gesicht des Widerstands wurde. Und, vor allem, Irmgard Gietl.

1985 war sie eine 55-jährige Hausfrau und Mutter, die leidenschaftlich gern strickte. Dann wurden die Pläne rund um die Wiederaufbereitungsanlage publik. Sie sollte über 3.000 Arbeitsplätze mit sich bringen, für die strukturschwache Region ein Segen. Landrat Schuierer wunderte sich nur über den immens hohen Schornstein der Anlage. Die erstaunlich freimütige Erklärung: Die Höhe sei nötig, weil sich so die radioaktiven Schadstoffe besser verteilen würden.

Einspruch erlaubt

Damit war Schuierers Zustimmung verloren. Auch Irmgard Gietl und ihr mittlerweile verstorbener Mann machten sich kundig, informierten sich über die Halbwertzeiten radioaktiver Stoffe. Fürchteten erst vor allem die Atomkraftgegner, die von außerhalb angereist kamen. Und lernten sie dann als freundliche Unterstützer kennen, die ihnen sanft Nachhilfe in Sachen Staatsbürgerkunde erteilten: Man darf etwas gegen den Staat sagen, Einwände erheben. Das taten Gietl und die anderen Mitglieder der Bürgerinitiative. Nur um zu erfahren, dass ihre demokratischen Rechte missachtet und ausgehebelt wurden. Claus Strigel und Bertram Verhaag haben auch diese Vorgänge festgehalten. Der Film trägt den bezeichnenden Titel „Restrisiko oder Die Arroganz der Macht“ und kam 1989 in die Kinos.

Der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß bezeichnete die WAA-Gegner öffentlich als „Kriminelle“. Zeitgenössische Bilder widerlegen ihn. Da stehen keine vermummten Chaoten, sondern ältere Damen, die man eher auf einem Pfarrfest oder in einem Lesekränzchen vermuten würde. Irmgard Gietl gehörte dazu. Man sieht sie in den alten Aufnahmen, wie sie sich kampfbereiten Polizisten entgegenstellt und sie zur Zurückhaltung mahnt. Noch heute ist sie empört, wenn sie daran denkt, wie damals mit ungerechtfertigter Vehemenz gegen friedliche Demonstranten vorgegangen wurde.

In Japan verehrt

Claus Strigels Film bleibt nicht auf das Engagement gegen die WAA beschränkt. Vor Strigels Kamera erzählt Irmgard Gietl aus ihrem Leben, von schrecklichen Ereignissen in den letzten Kriegstagen, dem Aufwachsen in bitterer Armut. Wie sie aus reiner Not zu stricken begann. Später versorgte sie die Demonstranten mit warmen „Widerstandssocken“ und schickt noch heute welche nach Japan zu dortigen Anti-Atom-Aktivisten, mit denen sie sich gelegentlich per Videokonferenz austauscht und denen sie Mut zuspricht im aussichtslos erscheinenden Kampf gegen die dortige Atompolitik. Die japanischen Oppositionellen verehren die alte Dame aus der bayerischen Oberpfalz. Nebenbei noch bemerkenswert: Die ‚Woll-Lust‘ hat sich in der Familie vererbt – Gietls Tochter betreibt einen Internethandel für Strickwaren und Zubehör.

Die humorvolle und mitfühlende, bei erkennbarer Ungerechtigkeit aber tapfer-trotzige 88-jährige Irmgard Gietl beherrscht diesen Film. Strigel lässt ihr gebührend Raum, um aus ihrem ereignisreichen Leben zu erzählen. Die Passagen dazwischen sind sehr flüssig, sehr modern inszeniert. Eine rasante Montage zu Beginn nimmt Motive des Films vorweg, überblendet Hochzeitsbilder, Waldansichten, einen Zug aus Schienensicht, Baumrodungen, eine Demonstration, Polizeigewalt, Franz Josef Strauß. Der Zusammenhang mit den selbstgestrickten Socken? Irmgard Gietl fährt über das knotige Gewebe wie über die Perlen eines Rosenkranzes. „Da ist alles drin“, sagt sie. „Hass und Liebe, Hoffnung und Verzweiflung. Alles, was ich schon erlebt habe. Das ist alles mit eingestrickt.“

Der Film hält en passant noch eine wichtige Lektion parat: Obgleich der Bau der WAA schon fortgeschritten war, wurde das Vorhaben am Ende gestoppt. Da waren die Bayern klüger als die Bauherren von Stuttgart 21 und ähnlichen Projekten. Der Widerstand war nicht vergebens.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen