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„Kruso“, ARD Im Sommer 1989

Lutz Seilers „Kruso“ wurde fürs Fernsehen gerafft und umgearbeitet.

Kruso
Die unorthodoxe „Klausner“-Mannschaft schaut Ed beim Probearbeiten zu. Foto: Lukas Salna/MDR/UFA Fiction

Zuerst ist es wohl besser, nicht mehr an Lutz Seilers Roman „Kruso“ zu denken. Schaut man nur auf die ersten Seiten des Romans, um die Erinnerung aufzufrischen – weil man noch nicht weiß, dass das heikel ist –, wird sofort klar, wie sehr das Fernsehen in solchen Situationen mit der Tür ins Haus fallen muss, keine Sekunde Zeit verlieren darf. Mit dem Auftritt eines aufmüpfigen Reisenden auf dem Schiff nach Hiddensee (natürlich ist Ed hier bereits auf dem Schiff) stellen Thomas Kirchner (Buch) und Thomas Stuber (Regie) sofort klar, worum es im Folgenden gehen soll: die Nähe der DDR zu Dänemark an dieser Stelle, die ertrunkenen Menschen, die zuvor unzulänglich ausgerüstet versuchten, auf diesem schier unmöglichen, aber vorstellbaren Weg aus dem Land zu kommen (sie ist ja zu sehen, die andere Seite). 

Während sich das Buch heranschleicht, während auch das Personal des Buches heranschleicht an diese gefährliche, rigoros weggeleugnete Möglichkeit, weggeleugnet wie die ungezählten Toten, wird es im Film gleich unwahrscheinlich herausgeplärrt. Während sich das Buch überhaupt verschiedene Schleichwege zu verschiedenen Geschichten sucht und das Personal sich für Poesie nicht nur interessiert, sondern in und mit ihr lebt, muss sich der Film mit dem Rezitieren eines Gedichtes begnügen und ansonsten Lesende und Bücher zeigen. Indem Literatur so mitläuft – anstatt der Mittelpunkt zu sein und das, was die unorthodoxen Saisonkräfte in der legendären Gastwirtschaft „Zum Klausner“ auf Hiddensee im Sommer 1989 zusammenhält –, bleibt die Utopie Krusos und seiner Umgebung seltsam undeutlich. Kurios: gerade weil es so deutlich sein soll. Und der Fernseh-„Kruso“ wird zu einer weiteren, wenn auch irritierenden und glänzend besetzten End-DDR-Geschichte. 

Der Film als eigene Geschichte

Der Schriftsteller Lutz Seiler, für „Kruso“ vor fast genau vier Jahren in Frankfurt mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, äußert sich im Presseheft aber sympathisch entspannt. Es sei großartig, dass sein Buch zur Vorlage „für eine eigenständige Arbeit in einem anderen Medium werden konnte. Diese Arbeit ist sehr gelungen“. Sie erzähle eine eigene Geschichte, „trotzdem bleibt der Film dem Buch treu in seinen wesentlichen Intentionen. Und Albrecht Schuch als Kruso und Jonathan Berlin als Ed sind klasse.“

Das stimmt. Jonathan Berlins Gesicht erzählt unpathetisch und dezent vom Unglück dieser Welt. Albrecht Schuch ist ein melancholischer, empfindsamer Filou. Im „Klausner“, wo Ed als Tellerwäscher anfangen kann, ist er das Zentrum eines eigenwilligen Trüppchens, das auch im Film eigenwillig bleibt, aber etwas flüchtig zum Zug kommt: Andreas Leupold gehört dazu als nur konservativ verkleideter Leiter des Hauses (aber so konservativ verkleidet, dass er nur an der Stimme zu erkennen ist), Thomas Lawinky als vorwiegend innerlich brodelnder Koch, Anja Schneider als verschwiegene rechte Hand des Chefs. Hier wieder ist es anregend, das Buch im Kopf zu haben.

Dann macht man aber womöglich doch wieder den Fehler, sich die „Lurch“-Szene im Roman noch einmal anzuschauen. Sie ist sehr archaisch und bizarr, und die Sprache gibt ihr eine Kraft und Länge, weil einiges zu sagen ist. Übrigens denken nun einige vielleicht, es wäre schön zu wissen, was ein „Lurch“ ist, aber sie wissen nicht, dass man das gar nicht wissen will (kurz zusammengefasst: ein Haarobjekt aus dem Ausguss, wenn dieser oft benutzt, aber etliche Monate nicht gereinigt worden ist).

Interessant: Gedreht wurde nicht auf Hiddensee, sondern in Litauen, wo es nicht so unheimlich chic war. Das Interieur der Gaststätte „Zum Klausner“ will in der Tat in Ruhe betrachtet werden.

„Kruso“, ARD, Mi., 20.15 Uhr.

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