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„Konzerne als Retter?“, Arte So profitieren Großunternehmen von Entwicklungshilfe

Ein aufwendiger Dokumentarfilm zeigt, wie staatliche Entwicklungshilfe am Ende bei multinationalen Unternehmen landet.

Entwicklungshilfe
Kleinbauern wie Florence Kinoti sollen sich umstellen. Foto: (NDR)

Der Fabrikant, der seine Arbeiterschaft nicht bezahlt, sondern ihnen Gutscheine ausgibt, für die sie die Miete in seinen eigenen Häusern zahlen und Lebensmittel in seinen eigenen Läden kaufen, ist aus der Geschichte des 19. Jahrhunderts bekannt.

Weniger bekannt ist wohl, dass dieses Ausbeuter-Modell nach wie vor existiert – nur in globalem Maßstab. Das zeigen Caroline Nokel und ihr Co-Autor Valentin Thurn (der den Film auch produziert hat) mit ihrem aufwendig recherchierten Dokumentarfilm „Konzerne als Retter? – Das Geschäft mit der Entwicklungshilfe“. Denn die finanziellen Hilfen, die den Hunger auf der Welt bekämpfen sollen, fließen häufig in die Kassen multinationaler  Unternehmen.

Die Basis dessen ist zunächst das Prinzip der „public-private partnership“.  Die Mittel aus den Fonds von entwicklungspolitischen Initiativen von Staaten und Banken kommen dabei zu einem Teil bei Privatunternehmen an. Die aber handeln nach den Methoden, die in der westlichen Landwirtschaft üblich sind, das heißt: möglichst eine von Umfang und Ertrag her industrielle Produktion anzustreben.

„Wir wollen jetzt den Bedürfnissen des Marktes entsprechend produzieren“ sagt die Landwirtschaftsministerin Kenias. Für die Produktion von Kartoffeln heißt das zum Beispiel: große Anbauflächen,  die eine andere Bewirtschaftung verlangen.

Das fängt beim Saatgut an, für das wiederum andere Düngemittel und Pestizide nötig sind und Maschinen für die Ernte auf großen Flächen. Die Kleinbauern müssen sich also umstellen. Und wer verkauft ihnen Saatgut, Dünger und Chemikalien? Dieselben Konzerne, die Partner der staatlich finanzierten Fonds sind.

Die Bauern müssen sich zum Teil verschulden, um die notwendigen Produkte kaufen zu können. Entwicklungshilfe? „Letztendlich geht es um Marktentwicklung“ sagt ein Manager von „Bayer Crop Science“ offen. Sein Konzern gehört bekanntlich zu den größten in diesem Segment, und dass er Mittel des Bundesministeriums für Entwicklungshilfe in Anspruch nimmt, kann er mit dem Hinweis verbrämen, man tue ja etwas gegen den Hunger in Afrika. Praktisch, dass dabei auch noch etwas mehr Profit herausspringt.

Ein besonders absurdes Beispiel für die fragwürdige Verwendung von Staatsgeld liefert die mit zwei Millionen Euro gepäppelte Firma „European Food Africa“ in Nairobi: Sie importiert Tiefkühlpizzen und Sahnetorten aus dem Haus Dr. Oetker. Eigentümer Stephan Belzer denkt an Ausweitung seines Geschäfts. Für eine Pizza verlangt er das Dreifache des deutschen Preises: 7,80 Euro. Dass sich diese Ware eher wohlhabende Kenianer leisten können und das Geschäft kaum der Bekämpfung des Hungers auf der Welt dient, liegt auf der Hand. So kritisiert der deutsche Linken-Politiker Niema Movassat: „Das ist keine Entwicklungshilfe, sondern Außenwirtschaftsförderung.“

Nokel und Thurn haben bei ihrer Reise durch Afrika weitere Beispiele dafür gefunden, dass Geld direkt oder indirekt den Konzernen zugute kommt statt den kleinen Bauern. Das geschieht in Sambia etwa bei Baumwoll- oder Palmöl-Plantagen oder beim industriell angelegten Kaffeeanbau: Die Konzerne beteiligen sich an den Projekten nach ihren eigenen Prinzipen der Profitmaximierung; sie diktieren den Landwirten die Produktionsweisen, verkaufen ihnen die Produktionsmittel, und beseitigen auch mal Widerstand mit Hilfe staatlicher Stellen.

Zwangsumsiedlungen und Landraub

So wurden Bauern gegen ihren Willen umgesiedelt oder mit lächerlich geringen Summen entschädigt. Mitunter stiehlt ihnen der Staat Land, weil sie mangels Kataster keinen Eigentumsnachweis erbringen können.

Die Autoren befragen Kleinbauern ebenso wie Konzernmanager oder Kritiker der Entwicklungshilfe (von denen allerdings zu wenige), und bisweilen werden die Umstände beim Filmen selbst zum Thema, wenn etwa für die Aufnahmen extra eine Maschine herangekarrt wird.

Am Ende haben Nokel und Thurn in Sansibar aber auch ein Gegenbeispiel gefunden, wie die Mittel so eingesetzt werden, dass sie den Kleinbauern direkt zugute kommen: Die Arbeit des Unternehmens Ecoland, mit 100000 Euro gefördert von „developpp“, einem Programm der Bundesregierung für mittelständische Firmen. So ist den Autoren ein so differenzierter wie aufrüttelnder Film über Fehlentwicklungen der Entwicklungspolitik gelungen.
 

 

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