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„Komm, komm, Grundeinkommen“ Jede Menge Geld ohne Arbeit?

Schritt für Schritt zeigt sich in Christian Tods Dokumentation, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen wahrscheinlich mehr Probleme lösen als aufwerfen würde.

Joseph Ganeb
Joseph Ganeb, Ziegelmacher und Grundeinkommen-Empfänger in Otjivero, Namibia. Foto: Golden Girls

Geld ohne Arbeit? Da könnte ja jeder kommen und einfach fürs Faulenzen sein Geld haben wollen, wo kämen wir da hin, also wirklich! Arbeitgeber, Arbeitnehmer, ihre Organisationen und unser leistungsorientiertes Alltagsbewusstsein sind sich in dieser Hinsicht einig, und wer ohne Arbeit Geld haben will, muss zumindest bereit sein, sich vor den Behörden zu erniedrigen.

Allerdings funktioniert das Geld-für-Arbeit-Prinzip nur, wenn es für jeden auch Arbeit gibt: Was tun, wenn jeder für sein Geld arbeiten muss, aber auch Menschen, die das gern tun würden, keine Arbeit bekommen? Und was, wenn man Arbeit hat, von der man nicht leben kann, so dass zusätzlich zum Arbeitslohn eine staatliche Hilfe beantragt und gewährt werden muss? Dafür scheint immerhin genügend Geld vorhanden zu sein. Aber das Geld, das als Unterstützungsleistung für bedauernswerte Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor ausgegeben wird, ist eigentlich eine verkappte Unterstützungsleistung für deren Arbeitgeber. Und die bekommen das Geld einfach so zugeschoben, ohne zu arbeiten. Gibt es also vielleicht doch, zumindest für einige Leute, jede Menge Geld ohne Arbeit?

Christian Tods Dokumentation zum Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ greift ein zurzeit intensiv debattiertes Thema auf und geht kleinschrittig vor. Er lässt sich Zeit, mit guten und anschaulichen Argumenten für dieses Projekt Plausibilität zu erzeugen. Er behauptet nicht, dass kein Wagnis dahinter steckt, aber benennt die enormen Nachteile, Kosten und sozialen Risiken der gegenwärtigen Ideologie und ihrer Praxis. Und er zeichnet die Geschichte der Idee eines bedingungslosen und solidarischen Grundeinkommens nach. Eine Idee übrigens, der, wie man erstaunt sehen kann, keineswegs nur weltfremde Anarchisten und Hippies anhängen, sondern immerhin Leute wie Götz Werner, Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm, oder der konservative Politikwissenschaftler Charles Murray. Es gibt Beispiele, in denen ein bedingungsloses Grundeinkommen längst praktiziert wird und funktioniert – in Alaska etwa, wo für die Erlaubnis, die Natur auszubeuten, jedes Jahr ein Bonus an die Bewohner des Landes ausgezahlt wird, den die beteiligten Firmen aufbringen. Es gibt auch etliche soziale Experimente, in denen zeitlich und räumlich begrenzt einer Gemeinde von Menschen ein bedingungsloses (also auch diskriminierungsfreies) Grundeinkommen gewährt wird.

Und es gibt durchaus erfolgversprechende Daten aus solchen Studien. Keineswegs nämlich nahm bei Gewährung eines bedingungslosen Grundeinkommens die Arbeitsproduktivität ab, sondern zu. Und zwar deutlich und nachhaltig – mit einer Ausnahme: Unter jüngeren Leuten nahm die Arbeitsproduktivität ab, weil sie sich etwas länger mit ihrer eigenen Bildung befassten als das unter ökonomischem Druck der Fall gewesen wäre. Bildungspolitik könnte also leichter werden. Und auch die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt liefert neue Argumente.

Schritt für Schritt zeigt sich, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen wahrscheinlich mehr Probleme lösen als aufwerfen würde und zudem die Möglichkeit beinhalten könnte, soziale Ungleichheit ein wenig zu mindern. Auch über dieses Thema erfährt man Wichtiges in dieser überaus anregenden Dokumentation.

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