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„Kollwitz“, Arte „Leider war ich ein Mädchen“

Der Porträtfilm erinnert an die vor 150 Jahren geborene Malerin und Bildhauerin, die durch ihre politische Kunst weltberühmt wurde.

„Kollwitz“
Jördis Erdmann und Jutta Bohnke-Kollwitz. Enkelinnen der Käthe Kollwitz. Foto: Looks Film & TV Produktionen

Vor einem halben Jahr ist der Film „Paula“ in die Kinos gekommen, ein Porträt der Malerin Paula Modersohn-Becker, die die Kunstwelt zu einer Zeit erobert hat, als Frauen an den Akademien nicht erwünscht waren. Natürlich durften sie malen, aber nur für den Hausgebrauch und als Zeitvertreib; dass sie eine künstlerische Karriere anstrebten, war undenkbar. Das Leben der am 8. Juli vor 150 Jahren geborenen und somit nur unwesentlich älteren Käthe Kollwitz wäre als Filmstoff nicht minder geeignet, wie die Dokumentation „Kollwitz“ von Henrike Sandner und Yury Winterberg belegt, denn an Dramen war es kaum ärmer.

Im Unterschied zur früh verstorbenen Kollegin Modersohn-Becker hat die politisch engagierte Kollwitz beide Weltkriege erlebt und bittere Verluste erlitten: 1914 starb ihr Sohn Peter, knapp dreißig Jahre später ihr ältester Enkel, der ebenfalls Peter hieß. Das Beziehungsleben der weltberühmten Grafikerin, Malerin und Bildhauerin, die zu Deutschlands bedeutendsten Künstlern zählt, war womöglich ebenfalls filmreif, selbst wenn es Sandner und Yury in dieser Hinsicht bei Andeutungen belassen und lieber hervorheben, wie sehr der Arzt Karl Kollwitz seine Frau unterstützt hat. Ihr Vater hatte vor der Hochzeit düster prophezeit, dass es nach der Ehelichung mit der Kunst wohl vorbei sei; für Frauen galt der Dreiklang Kinder, Küche, Kirche. Sie selbst hat hinsichtlich ihrer Ambitionen schon früh betrübt im Tagebuch notiert: „Leider war ich ein Mädchen.“

Ihre Kinder hat Käthe Kollwitz offenbar heiß und innig geliebt, ansonsten war Kunst ihr Leben, und das in jeder Hinsicht: Nur wenige Künstler haben sich selbst so radikal in ihr Schaffen eingebracht; davon zeugen nicht zuletzt die über hundert Selbstbildnisse, die sie in sämtlichen Stadien ihres Lebens zeigen. In ihrer berühmten Plastik „Trauerndes Elternpaar“, die auf dem deutschen Soldatenfriedhof im belgischen Vladslo steht, verarbeitete sie die Trauer über den Tod ihres Sohnes; für die Fertigstellung brauchte sie 18 Jahre und damit exakt so lange, wie er gelebt hatte. Der Slogan „Das Private ist politisch“ wurde gut fünfzig Jahre später zum Motto der Studentenbewegung, aber Kollwitz lebte es bereits vor, wie Sandner und Yury mit vielen Belegen zeigen: Peters Tod machte sie zur Pazifistin. Ihr radikaler „Krieg dem Kriege“ machte sie auch außerhalb der kunstinteressierten Kreise berühmt; bis heute zählt ihr Plakat „Nie wieder Krieg“ zu ihren populärsten Arbeiten. Dass die Sozialistin Ärger mit den Nationalsozialisten bekommen hat, versteht sich von selbst; ab 1936 galt ihre Arbeit als „Entartete Kunst“.

Im klassischen Filmporträtstil kombiniert „Kollwitz“ künstlerische Expertise mit Interviews. Zu Wort kommen vor allem die beiden Enkelinnen, mittlerweile selbst hochbetagt. Sie gehören zu den letzten noch lebenden Menschen, die Käthe Kollwitz persönlich gekannt haben, ersparen sich aber trotz ihrer großen Zuneigung zur Großmutter sämtliche Sentimentalitäten. Zwar ist das Blättern in alten Fotoalben etwas einfallslos, zumal Lichtreflexe nicht immer erkennen lassen, was die Aufnahmen zeigen, aber ansonsten ist der Film auch optisch interessant, erst recht, wenn die Kamera beispielsweise in eine Zeichnung hineinfährt und die Landschaft auf diese Weise lebendig wird. Bei Gesprächen über konkrete Zeichnungen werden die genannten Details hervorgehoben.

Natürlich kommen die berühmtesten Arbeiten von Käthe Kollwitz zur Geltung, aber interessanter sind zwei kaum bekannte Quellen: Sandner und Winterberg zitieren ausführlich aus den umfangreichen Tagebüchern, und sie zeigen das zeichnerische Frühwerk, das eine Enkelin der Kollwitz-Kommilitonin Marianne Fiedler im Nachlass der Großmutter gefunden hat; darunter auch das erste bekannte Selbstbildnis. In diesem Zusammenhang verrät das Autorenduo weitere biografische Details, die einem Spielfilm zusätzlichen Reiz geben würden: Die unkonventionelle junge Künstlerin, zu Münchener Studienzeiten noch Käthe Schmidt, war ganz offenkundig kein Kind von Traurigkeit, hat mir ihren „Malweibern“ so manchen feucht-fröhlichen Abend verbracht und allerlei sexuelle Erfahrungen gesammelt. In ihren Tagebüchern – und womöglich nicht nur dort - macht sie keinen Hehl daraus, sich auch zu Frauen hingezogen zu fühlen; ein eklatanter Tabubruch.

Und so ist das Porträt nebenbei auch ein Film über die Zeitläufte, als Frauen erstmals für ihre Rechte auf die Straße gehen. Nach ihrer Hochzeit und dem Umzug nach Berlin bricht Kollwitz ein weiteres Tabu, als sie den Hunger der Kinder im Prenzlauer Berg in ihren Bildern aufgreift; soziale Verhältnisse kamen in der zeitgenössischen Kunst nicht vor. Von Kaiser Wilhelm II. stammt die Forderung, Kunst solle erheben und nicht in den Rinnstein hinabsteigen, weshalb die Kollwitz-Bilder fortan die Ehrenbezeichnung „Rinnsteinkunst“ trugen. Abgerundet wird der knapp einstündige Film durch seine akustische Qualität: Den Kommentar spricht Christian Redl, die Tagebucheintragungen Nina Hoger. Dass Redl dauernd „die Kollwitz“ sagen muss, ist nicht seine Schuld.

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