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„Klimafluch und Klimaflucht“, Arte Katastrophen-Szenario

Thomas Aders’ Dokumentarfilm zeigt schonungs- und hoffnungslos, wie der Planet zugrunde gerichtet wird.

Sahelzone
Die fortschreitende Wüstenbildung in der Sahelzone befeuert die Klimaflucht, weil die Lebensgrundlage fehlt. Foto: SWR

Es beginnt mit Blitz und Donner, Sturm und Überschwemmungen. Mit den ersten Bildern lässt der Dokumentarfilmer Thomas Aders keinen Zweifel daran, worum es ihm geht: die Klimaveränderung als Katastrophe – die selbst verschuldete Katastrophe, wohlgemerkt. Denn all zu lange haben wir den Klimawandel und seine Folgen ignoriert. Das tun heute immer noch geistig oder ideologisch beschränkte Politiker wie etwa US-Präsident Donald Trump.  Es müsste nur einmal nach Indonesien reisen oder Jakutien im Norden Russlands. Dort hat Autor Aders erdrückende Beweise gefunden dafür, dass sich die Lebensbedingungen auf der Erde drastisch ändern. Mit Konsequenzen, die bald nicht nur im Verschwinden von Inselgruppen wie den Malediven oder in von der Dürre geplagten Gegenden wie der Sahelzone zu erleben sind. Die Veränderungen der Natur sind das eine, aber die Reaktionen der davon betroffenen Menschen sind das andere: „Klimafluch und Klimaflucht“ heißt der Film.

Immer wieder macht Aders mit Aussagen von Wissenschaftlern deutlich: Der Klimawandel wird zur „Klimaflucht“ führen, und dann bleibt es nicht bei ein paar tausend Betroffenen, die sich in Richtung Europa oder, wie jetzt, USA auf den Weg machen. Schon jetzt fliehen 50 Millionen Menschen pro Jahr, weiß Nina Birkeland vom Norwegian Refugee Council. In dreißig Jahren könnten es hunderte Millionen sein, prophezeit der belgische Umweltforscher Francois Gemenne von der Universität Lüttich.

Aders hat seinen Film im Untertitel  „Massenmigration – Die wahre Umweltkatastrophe“ genannt. Das klingt zunächst ein wenig nach der Borniertheit eines bayerischen Provinzpolitikers, der ja die Migration unlängst zur „Mutter aller Probleme“ erklärt hatte. Aber Aders geht es nicht um Abschottung gegen Flüchtlinge, sondern um die unausweichlichen Folgen der Zerstörung des Planeten.

Indizien sprechen eine klare Sprache

Die Indizien, die der Filmemacher rund um den Globus sammelt, sprechen eine klare Sprache. Indonesien zum Beispiel, ein Staat aus 17000 Inseln, wird bis zur Mitte des Jahrhunderts womöglich einen Großteil dieser Eilande ans Meer verloren haben. Schon jetzt sind manche Küstenorte nicht mehr bewohnbar, weil das Wasser immer wieder in Schulen und Häuser dringt.

Die Hauptstadt Djakarta, ein Moloch von zehn Millionen Einwohnern, versucht sich noch mit Betonmauern gegen die Überflutungen zu wehren –­ ein hilfloser Akt. Denn während das Wasser  vier bis sechs Millimeter pro Jahr steigt, sinkt der Untergrund der Stadt zugleich jährlich zwischen drei und 20 Zentimetern. Ein Drittel der Metropole liegt schon tiefer als der Meeresspiegel.  Wissenschaftler schätzen, dass bis zu 40 Millionen der 170 Millionen Indonesier früher oder später ihre Heimat verlassen müssen.

Ist es im südostasiatischen Inselstaat das Wasser, das die Existenz der Menschen bedroht, ist es in der Mitte Afrikas der Mangel daran. Der Tschadsee am Südrand der Sahara, Lebensraum für 40 Millionen Fischer und Bauern, ist aufgrund der Erderwärmung zwischen 1963 und 2007  von 25 000 Quadratmeter Fläche auf 2500 Quadratmeter geschrumpft. Die Regenzeit hat sich auf weniger als vier Monate verkürzt. Mensch und Vieh fehlt die Lebensgrundlage. Immer mehr machen sich auf den Weg gen Süden, wo es grüner und regenreicher ist.

Die Erderwärmung wirkt auch an einem ganz anderen Teil des Globus: Im Norden Russlands, in Jakutien, taut der Permafrost-Boden auf. Nachrichten von spektakulären Funden von Mammutknochen gingen durch die Medien. Aber das Erscheinen der Fossilien bedeutet zugleich: Die Erde weicht auf, Straßen und Häuser verrutschen, und Gase entweichen in großen Mengen: Methan und CO2. Der Osten Russlands sei vollständig wohl nicht mehr zu retten, diagnostiziert ein Wissenschaftler.

Aders porträtiert einen Mann, der sich dagegen stemmt: Klimaforscher Nikita Zimov führt einen individuellen Kampf, will mit Viehhaltung auf einem von ihm gekauften Landstrich zeigen: Wo die Tiere winters den Schnee stampfen, taut der Boden darunter weniger rasch. Aders nennt ihn den „Visionär, der aus der Kälte kam“. Aber Zimov steht allein auf weiter Flur – im Wortsinne.

Aders spricht mit den Opfern des Wandels, wie dem Kameltreiber Mohammed. Er hat statt gut 50 Tieren nur noch fünf. Der Autor spricht nicht mit den Apologeten, mit Leugnern des Klimawandels, denn er hat eine Mission. Er will aufrütteln.  Er hat darin recht. Die Beweise sind zu erdrückend. Dennoch wünschte man sich eine weniger pessimistische Darstellung, einen Blick auch auf die vielen Menschen weltweit, die etwas tun gegen die Zerstörung des Planeten, nicht nur einen energischen Bewohner Sibiriens. Am Ende sieht man afrikanische Kinder, die sich an einem sprudelnden Wasserhahn gütlich tun.  Es wirkt, als wolle Aders seiner bedrückenden Diagnose ein versöhnliches Ende verschaffen. Es wirkt: aufgesetzt.

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