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„Kim Kong“, Arte Kleiner Diktator und großer Diktator

Die Miniserie „Kim Kong“ erzählt die Geschichte eines französischen Regisseurs und eines koreanischen Diktators – und hat nicht nur viele satirische Ideen, sondern auch einige profunde Wahrheiten zu bieten.

2131096 Kim Kong (1/3)
Der unberechenbare Diktator (Christophe Tek) gibt zu: „Das Töten macht mir auch nicht immer Spaß!“ Foto: Kwai/Jean-Claude Lother

Warum nur haben so viele mörderische Despoten so lächerliche künstlerische Ambitionen? Hitler hatte seine Landschaftsmalerei, Stalin zeichnete kunstvolle Bleistiftskizzen nackter Männer, und Saddam Hussein verfasste schmalzige Liebesromane. Und Kim Jong-Ill, Herrscher über Nordkorea von 1997 bis 2011 und Vater des derzeitigen Machthabers, war vermutlich der einzige Filmwissenschaftler, der jemals Staatschef wurde – seine Abhandlung „Über die Filmkunst“ ist eine amateurhaft geschriebene Anleitung zur Massenpropaganda. Nur, während man als Maler oder Romancier auch heimlich im stillen Kämmerlein arbeiten kann, braucht man zum Filmemachen andere Menschen. Und da fängt sowohl die fiktive als auch die reale Farce dieser Geschichte an.

Denn natürlich klingt der Plot von „Kim Kong“, in dem ein französischer Actionregisseur von einem asiatischen Diktator gekidnappt und zur Produktion eines albernen Monsterfilms gezwungen wird, nach Satire in ihrer albernsten Form. Wer denkt sich sowas aus? Nun, leider mußte es sich niemand ausdenken, die unglaublichsten Geschichten sind immer die wahren: Der umtriebige und mehrfach preisgekrönte südkoreanische Filmproduzent Shin Sang-ok wurde 1978 zusammen mit seiner Frau, einer berühmten Schauspielerin, tatsächlich nach Nordkorea verschleppt. Nach mehreren Jahre „Umerziehung“ in Straflagern drehte er schließlich das noch heute unter Trashfilm-Freunden berüchtigte Monster-Epos „Pulgasari“ für das nordkoreanische Regime, bevor dem Paar nach acht Jahre Gefangenschaft bei einem Filmfestival in Wien eine spektakuläre Flucht samt Autoverfolgungsjagd gelang.

Eine wahrlich filmreife Geschichte also. Und so ist es kein Wunder, daß einige Jahre nach Shins Tod 2011 erst ein Buch entstand und dann 2016 bereits eine Dokumentation zum Thema. Doch erst die französischen Autoren Simon Jablonka und Alexis Le Sec haben den Stoff dahin geführt, wo er eigentlich schon immer hingehörte: zur Groteske. Denn natürlich bieten sich viele schnippische Seitenhiebe an, sowohl auf den größenwahnsinnigen Despoten („Das Töten macht mir auch nicht immer Spaß!“), als auch auf den französischen Filmbetrieb („Ich hab noch irgendwo die Handynummer von Jacques Audiard, entführen Sie doch den, dem gefällt das Projekt bestimmt.“) Aber zur richtige Groteske gehört neben dem Leichten auch das Schreckliche, und es ist ein Glück, dass „Kim Kong“ das bei allem Humor nicht ausklammert.

Die Abnahmesitzung beim Rohschnitt etwa läuft anfangs auch nicht anders ab als bei einem westliche Produzenten oder Fernsehredakteur – nur dass man dort eher nicht mit dem Buschmesser gefoltert wird, wenn das Ergebnis nicht gefällt.

Es ist nicht einzige Stelle, wo die Ironie so tief schneidet, dass sie buchstäblich den Knochen trifft. Besonders, wenn die Leidenschaft des Regisseurs dann plötzlich doch erwacht; wenn er in seinem unfähigen Team ein Naturtalent als Kameramann entdeckt und aus der Schauspielerin einen echten Nouvelle-Vague-Naturalismus herauskitzelt; wenn er sogar einen Effektkünstler nach-entführen läßt, damit schlechte Monstermasken nicht sein großes Meisterwerk vermurksen; besonders dann wird jedes bittere Künstlerklischee plötzlich zu tödlichem Ernst.

Sind politische und persönliche Unfreiheit und willkürlich auferlegte Hindernisse wirklich die eigentlichen Inspirationsquellen, wie Heiner Müller oder Lars von Trier einst behaupteten? Muss ein Regisseur selbst ein Diktator sein, der seine Leute quält, um das bestmögliche Ergebnis aus ihnen herauszukitzeln, wie James Cameron, Stanley Kubrick oder Peter Zadek es vorgemacht haben? Und muß man wirklich für seine Kunst alle Opfer bringen, auch das größte?

Den Autoren, Regisseur Stephen Cafiero und einem ausgezeichneten Cast um Jonathan Lambert gelingt mit dieser Miniserie auf knapp zweieinhalb Stunden Erstaunliches: Eine bissige Satire mit echten Emotionen; ein Film über Film, der keine prätentiöse Nabelschau ist; ein Werk voller Tiefgang und zugleich Albernheit; ein hochaktueller Film, der aber trotzdem zeitlose Weisheiten parat hält; und ein Film, der Trauer, Tod und Verzweiflung nicht ausspart, aber trotzdem optimistisch bleibt.

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