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„Killerspiele – Der Streit eskaliert“, ZDFinfo Späte Einsichten

Der zweite Teil dieser empfehlenswerten Rückschau auf die „Killerspiel“-Debatte behandelt den Höhepunkt der Medien- und Politikhysterie während der Amokläufe der 1990er- und 2000er-Jahre.

14.05.2016 08:40
D.J. Frederiksson
Das "Doom"-Spiel - die Mutter aller Killerspiele. Foto: ZDF/Janett Kartelmeyer

Nur wenige Nachrichtenmedien schaffen den Ausbruch aus dem tagesaktuellen Aufschrei-Karussell. Immerhin, Zeitschriften wie die „Zeit“ oder auch „Spiegel Online“ haben eine „Was wurde eigentlich aus...?“-Rubrik, in der man die Aufreger-Themen von vor einigen Jahren nochmal Revue passieren ließ: EHEC, Joseph Kony, Ozonloch oder Ice Bucket Challenge. Es schafft bei den aktuellen Debatten eine sehr hilfreiche Perspektive, wenn man sich noch mal vergegenwärtigt, was zum Beispiel aus der Statt-Partei oder der Vogelgrippe-Panik geworden ist.

Im Dokumentarfilm sind solche Rückschauen noch zu selten. Umso mehr freut man sich, dass die dreiteilige Doku des Spiele-Experten Christian Schiffer nach einer Aufwärmrunde durch die Spiele-Skandale der 70er und 80er nun endlich an den Kern des Themas stößt. In der Rezension zum ersten Teil kam ja die Frage auf, ob Schiffer mit seinen Fernsehkollegen genauso scharf ins Gericht gehen würde wie vorher mit der Bundesprüfstelle. Die Antwort fällt zutiefst befriedigend aus: Tatsächlich macht Schiffer noch mehr als erhofft.

Geschickt zeigt er zum Beispiel Verständnis für die gesellschaftliche Orientierungslosigkeit angesichts der blindwütigen Amokläufe in pittoresken Orten wie Erfurt, Winnenden oder Bad Reichenhall. Günther Beckstein, damals Bayerischer Innenminister, der den Begriff der „Killerspiele“ erst populär gemacht hat, darf die ehrliche Erschütterung und Ratlosigkeit angesichts solcher Geschehnisse zeigen. Gleichzeitig entblößt Schiffer aber auch die Absurdität, dass ausgerechnet eine so offensichtlich harmlose Subkultur aus LAN-Partys mit klobigen Rechnern in schmucklosen Mehrzweckhallen damals ins Rampenlicht gezerrt wird – und ein Mehrspieler-Taktik-Shooter namens Counter-Strike.

Offensichtlicher Unsinn

Tatsächlich lässt Schiffer an der medialen Behandlung des Themas durch die Fernsehmagazine der 90er- und 00er-Jahre kein gutes Haar. Matthias Dittmayer, der damals in vielbeachteten Videos den „abstrusen Unsinn“ und die „kontinuierlich unterirdische Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen“ anprangerte, darf noch einmal eine erschreckende Auswahl präsentieren: Die FAZ wollte bei Counter-Strike „Schulmädchen und Passanten“ gesehen haben; „Panorama“ behauptete, dass es bei GTA um möglichst viele Vergewaltigungen geht; die Medien berichteten fälschlicherweise, dass Robert Steinhäuser CS-Spieler war; und der berüchtigte Kriminologe Christian Pfeiffer verwechselte ein Mittelalter-Fantasyrollenspiel mit einer modernen Kriegssimulation.

„Das war beschissen wie man damals da rangegangen ist, das war katastrophal“, resümiert ein Spieleredakteur diese prägende Erfahrung, als Jugendlicher vor dem Fernseher zu sitzen und Talkshowgäste und Magazinmoderatoren offensichtlichen Unsinn reden zu hören. „Da hat ein Funke des Medienmisstrauens angefangen“, bestätigt ein anderer. In diesem Sinne ist die Killerspiel-Debatte auch die erste digital geführte Gesellschaftsdebatte, die zur Emanzipation der Internet-Nutzer gegenüber den traditionellen Medien geführt hat.

Doch es gab auch Lichtblicke. Elke Momsen-Engberding, die im ersten Teil noch bloßgestellt wurde, erhält hier die Gelegenheit, sich zu rehabilitieren. Sie kann immer noch „Kaunter-Schtreik“ und „Queek“ nicht richtig aussprechen, aber immerhin hat die Behörde unter ihrer Leitung Rückgrat gezeigt und inmitten einer hysterischen und fehlinformierten Debatte die Indizierung von Counter-Strike verhindert.

Gesellschaftlich glätten sich die Wellen freilich nicht so schnell: Ein Bayerischer Gesetzentwurf drohte Spielern allen Ernstes mit Razzien und Gefängnisstrafen, und um 2005 hatte praktisch jede deutsche Partei ein Killerspielverbot im Programm, das 2005 im schwarz-roten Koalitionsvertrag auch angekündigt wurde. Erst die Anerkennung durch den Deutschen Kulturrat und der erste deutsche Computerspielpreis 2009 haben auch Egoshooter in die Mitte der Gesellschaft gebracht, wo sie heimlich schon immer zu Hause waren.

Beteiligte wirken geläutert

Heutzutage wirken alle Beteiligten geläutert. Es wirkt ein wenig zu blumig, wenn am Schluss beide Lager betonen, wie wichtig die Auseinandersetzung unabhängig vom Ergebnis doch war. Viel von der vorher gezeigten Bitterkeit soll da allzu schnell wieder weggespült werden, selbst der mediale Vertrauensverlust scheint wieder vergessen. Aber manches Fazit lässt dann doch tief blicken.

Vor allem Beckstein wirkt angenehm hilf- und ratlos. Immerhin erkennt er seine damaligen Folgerungen als Versuch, „kurzschlüssig eine Ursache zu finden“, und konstatiert, dass wissenschaftlich kein Zusammenhang nachzuweisen ist zwischen Computerspielen und Jugendgewalt. Aber es wird auch klar, wie sehr die Unerklärlichkeit der Amokläufe ihn immer noch umtreibt. Überhaupt: Dass er sich mit seinen klugen, sachlichen Erklärungen für diese Doku zur Verfügung gestellt hat, verdient Respekt.

Niemand aus dem linken Lager, wo die Spiele-Industrie als Teil des „militärisch-industriell-medialen Komplex“ angeschwärzt wurde, zeigt so viel Reflexionsvermögen. Und der Kriminologe Christian Pfeiffer? Der hatte selbst 2015 nach den Anschlägen in Paris noch spekuliert, die islamistische Attentäter hätten sich vorher bestimmt mit Killerspielen „berauscht“. Er „stand für ein Interview leider nicht zur Verfügung“. Manche Leute lernen spät, andere lernen nie.

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