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„Kilimandscharo - Reise ins Leben“ Hürden existieren nur im Kopf

„Kilimandscharo - Reise ins Leben“ ist ein gut gespieltes Drama mit Anna Maria Mühe über eine Handvoll Männer und Frauen, die ihre Grenzen überwinden.

Kilimandscharo - Reise ins Leben
Im dichten Urwald lauern Gefahren: Bergführer Joseph (Bongo Mbutuma) mit Joschka (Simon Schwarz) und Paula (Caroline Hartig). Foto: ARD Degeto/Ariane Krampe Filmproduktion/Anika Molnár" (S2+)

Auf dem Papier wirkt die Gruppe wie ein typisches Drama-Ensemble: Ein Vater will sich mit seiner Tochter versöhnen; ein früherer Extremsportler muss sich beweisen, dass er es noch drauf hat; eine berufsunfähige Chirurgin hofft auf ein Wunder; und als ihr Anführer ein Mann, der ein Trauma zu bewältigen hat.

Aber „Kilimandscharo - Reise ins Leben“ ist mehr als ein Reißbrettprodukt, und das liegt nicht allein am Schauplatz: weil Marco Rossi, von dem auch das Drehbuch zum sehenswerten biografischen „Grzimek“-Film (2015) stammte, aus den Klischeefiguren Menschen gemacht hat.

Gregor Schnitzler, einst durch Kinodramen wie „Soloalbum“ oder „Die Wolke“ bekannt geworden, hat aus der Vorlage ein für den Freitagstermin im „Ersten“ ziemlich dramatisches Werk gemacht: über fünf Individuen, die von der Hoffnung beseelt sind, das Päckchen, das sie tragen müssen, auf dem Kilimandscharo zurücklassen zu können.

Die Geschichte beginnt klassisch mit der Ankunft der Gäste. Ärztin Anna (Anna Maria Mühe) reagiert schon bei ihrer ersten Begegnung am Flughafen auf Anhieb allergisch auf den Anthroposophen Joschka (Simon Schwarz), zumal er umgehend und schmerzhaft zutreffend eine Analyse ihrer Probleme aus dem Ärmel schüttelt: Denken, Fühlen und Handeln, stellt der Rudolf-Steiner-Schüler fest, befänden sich nicht im Einklang; und damit hat er völlig recht.

Am Startpunkt ihrer Reise treffen die beiden auf Joschkas Tochter Paula (Caroline Hartig), die aus allen Wolken fällt, als sie ihren Vater erblickt, und umgehend wieder abreisen will.

Als letzter trifft Tom (Kostja Ullmann) ein, und auch er sorgt für eine Überraschung: Der einstige Triathlet sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Sein fahrbarer Untersatz ist zwar so etwas wie der SUV unter den Rollstühlen, aber er wird trotzdem eine Last für die Gruppe darstellen, denn Hindernisse wie Felsen oder umgestürzte Bäume kann selbst Tom nicht ohne Hilfe überwinden.

Er will den Gipfel aber nicht nur aus persönlichen Gründen erreichen, sondern beweisen, dass „Hürden nur im Kopf existieren“: Ein Buch über die erfolgreich bewältigten Herausforderungen soll anderen Behinderten Mut machen. Seine Eindrücke hält Tom akustisch fest; auf diese Weise lässt sich elegant ein gelegentlicher Kommentar einflechten, der ausnahmsweise mal nicht überflüssig ist.

Ähnlich geschickt lassen Rossi und Schnitzler nach und nach auch die anderen Katzen aus dem Sack. Sämtliche Mitglieder der aufgrund des großen Höhenunterschieds enorm kräftezehrenden Bergtour entpuppen sich als versehrt: Anna und Tom körperlich, Paula und Bergführer Simon (Ulrich Friedrich Brandhoff) seelisch. Die Studentin leidet unter einer Wunde, die ihr der Vater zugefügt hat, Simon hat seinen besten Freund beim Klettern verloren; auch er hatte zuvor eine Schuld auf sich geladen, die er nie wieder gut machen kann.

Mit dem Scheitern konfrontiert

Selbstredend ist der mühsame Weg auf den Berg, bei dem sämtliche Teilnehmer nacheinander mit dem möglichen Scheitern konfrontiert werden und über sich hinauswachsen müssen, auch eine Reise ins Innere. Jeder kommt an den Punkt, an dem er in einen gähnenden Abgrund blickt, und natürlich dauert es eine Weile, bis auch dem letzten klar ist: Sie werden dieses Abenteuer nur als Team überstehen.

Gespielt ist das durchweg ausgezeichnet, zumal die Gruppe auch als Ensemble vorzüglich funktioniert. Außerdem hat sich Rossi gerade für Mühe und Schwarz viele bissige Dialoge ausgedacht. Ein interessantes neues Gesicht ist die junge Caroline Hartig, mit der Schnitzler (ebenso wie mit Brandhoff) bereits bei einem Dresdener „Tatort“, „Level X“ (2017), zusammengearbeitet hat; zuvor war sie schon in dem „Helen Dorn“-Krimi „Gnadenlos“ positiv aufgefallen.

In früheren Produktionen der ARD-Tochter Degeto wäre trotzdem der Berg der Star gewesen. Natürlich sorgt Kameramann Wolfgang Aichholzer für prachtvolle Bilder, aber im Unterschied zu vielen vergleichbaren Dramen ist „Kilimandscharo“ kein Vorwandfilm, bei dem eine Geschichte in erster Linie dazu dient, die Landschaft in Szene zu setzen.

Chris Bremus sorgt mit seiner von afrikanischen Rhythmen durchsetzten kinotauglichen Musik für eine angemessen große Untermalung. Angesichts der Gesamtqualität sich sogar verschmerzen, dass sämtliche Einheimischen wie in quasi allen Degeto-Produktionen prima deutsch können; zum Ausgleich kommt Rossi komplett ohne Romanze aus. Ob aus dem Film eine Reihe wird, muss sich noch zeigen. Ein zweiter ist allerdings bereits gedreht, er spielt auf Mallorca.

 

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