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„Jemen - Die Welt schaut weg“ Vermeintlich geschichtsloses Land im Elend

Die Arte-Reportage „Jemen - Die Welt schaut weg“ lebt von der Fahrt auf städtischen Haupt- und einsamen Fernstraßen. Frei bewegen kann sich der Regisseur als Mitfahrer im Rot-Kreuz-Konvoi nicht.

Jemen
Parolen der Huthi-Rebellen am Stadttor Bab al-Yaman in Sana’a. Foto: Memento/ARTE/Stéphane Rossi

Der Krieg im Jemen wird kaum beachtet. Obwohl ein Land des Arabischen Frühlings, ist der Jemen, ähnlich wie Libyen, nicht im öffentlichen Bewusstsein. Wirtschaftlich und geopolitisch spielt das Land am Golf von Aden seit Dekaden keine Rolle mehr. Die unzähligen Flüchtlinge aus Subsahara Afrika, die den Jemen auf ihrem Weg in die reichen Golf-Emirate zu passieren versuchen, erfahren trotz florierenden Menschenhandels keinerlei internationale Aufmerksamkeit. Die Cholera, die 2017 im Jemen, dem ärmsten arabischen Land, ausbrach, nennt das Internationale Komitee des Roten Kreuzes die schlimmste Cholera-Epidemie, die je dokumentiert wurde. So schafft es der Jemen manchmal in die Medien.

Vor diesem Hintergrund ist es erfreulich, dass Arte die Reportage „Jemen - Die Welt schaut weg“ von François-Xavier Trégan als Programm-Highlight ankündigt. Zum Jemen hinzuschauen ist nicht nur aus humanitären Gründen angebracht, sondern auch weil er wie ein Brennglas der Aufstände und Kriege ist, die 2010/11 in mehreren arabischen Republiken begannen.

Kurze Gespräche mit verwundeten Gotteskriegern

Diese Geschichte allerdings erzählt Trégan nicht. Seine Reise durch den Jemen unternahm er als Begleiter von Peter Maurer, dem Präsidenten des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. Sie fuhren im Auto von Aden im Süden, aktuell dem Exil-Amtssitz des international anerkannten jemenitischen Präsidenten, über Taizz an der Frontlinie bis Sana‘a, der jemenitischen Hauptstadt, die seit 2014 von Huthi-Rebellen gehalten wird. Der Konvoi von Maurer durfte nicht von der vorgegebenen Route abweichen. Auf den wenigen Zwischenstopps der knapp 500 km langen Strecke sieht sich der Rot-Kreuz-Präsident Krankenhäuser oder Ruinen an. Der Regisseur führt kurze Gespräche mit verwundeten Gotteskriegern oder Menschen auf der Straße, deren Gehalt über Gemeinplätze nicht hinaus führt.

Zu Beginn der Sendung werden Landkarten eingeblendet. Auf ihnen sind die Fahrtroute, die Gebiete unter Kontrolle der Huthi-Rebellen sowie Orte, die von der saudischen Luftwaffe bombardiert wurden, eingezeichnet. Alles habe 2014 als Überraschung begonnen, heißt es im Kommentar. Mit den Eroberungen der Huthi sei nicht gerechnet worden. Auch der Arte-Pressetext sagt, der Krieg habe vor drei Jahren angefangen und nennt Saudi-Arabien und den Iran, Sunniten und Schiiten als die Kriegsparteien. Historisch geht die Sendung nicht weiter als bis 2011 zurück, obwohl die Wurzeln des aktuellen Krieges mindestens zur Dekolonisierung Mitte des 20. Jahrhunderts reichen. Der Film lebt von der Fahrt auf städtischen Haupt- und einsamen Fernstraßen sowie der Erzählung aus dem Off, denn frei bewegen kann sich der Regisseur als Mitfahrer im Rot-Kreuz-Konvoi nicht. Diese Beschränkung wäre eine Chance gewesen, etwas über das Land zu erzählen, seine Geschichte und Politik.

Die Reiseroute, wie gesagt, führt von Aden, das Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Jemen (1967-1990) war, nach Sana’a, dem Regierungssitz der Arabischen Republik Jemen (1962-1990) beziehungsweise seit 1990 der Republik Jemen. Sie führt über Taizz, von 1948 bis 1962 Hauptstadt des Mutawakkilitischen Königreichs Jemen, einer theokratischen absoluten Monarchie unter zaiditischer Führung. Taizz liegt heute an der Frontlinie, die dem einstigen Grenzverlauf zwischen den beiden jemenitischen Staaten sehr ähnlich ist. Das Gebiet nördlich von Taizz, das seit 2014 von den zaiditischen Huthi gehalten wird, entspricht fast dem Territorium des Mutawakkilitischen Königreichs. Letzteres trat 1958 der nur drei Jahre andauernden Vereinigten Arabischen Republik bei, zu der sich Ägypten und Syrien zusammengeschlossen hatten. 1962 putschten republikanische Soldaten, inspiriert vom ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, im Königreich Jemen und riefen auch im Norden eine Republik aus.

Nach Ende des Kalten Krieges wurden beide jemenitischen Republiken vereint, friedlich war es seitdem nie. Der Staat verfiel, die Armut stieg. 2004 erhoben sich die Huthi im Norden des Landes. Im Zuge des Arabischen Frühlings wurde Präsident Ali Abdullah Saleh aus dem Amt gejagt. Er hatte 1962 am Militärputsch gegen das jemenitische Königshaus teilgenommen, seit 1978 erst die Arabische Republik Jemen und seit 1990 die Republik Jemen regiert. Er unterstützte ebenso wie die Präsidenten Tunesiens und Ägyptens die USA in ihrem Krieg gegen den Terror. Der Drohnenkrieg im Jemen stand dem in Afghanistan in nichts nach. Saleh galt als ebenso korrupt und brutal wie Ben Ali und Mubarak. Überraschend ist an der aktuellen Lage nichts.

Ebenso wie Saudi-Arabien und der Iran schon lange eine Rolle im Jemen spielen, wird auch die Religion seit Jahren politisch instrumentalisiert. Der Krieg jedoch ist politisch und ökonomisch motiviert. Wer mit Trégans „Jemen - Die Welt schaut weg“ in das Land blickt, begegnet vor allem Trümmern, Müll und Gottgläubigkeit; schaut in ein vermeintlich geschichtsloses Land im Elend. Wem das nicht genügt, der kann in Fred Hallidays Büchern über den Jemen Zusammenhänge erfahren.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Jemen

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