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„Iuventa“, 3sat In Libyen ist das Meer schwarz

Ein Dokumentarfilm über junge Leute, die ein Schiff kauften und 14 000 Menschen auf dem Mittelmeer aus Seenot retteten.

„Iuventa“
Helfer der Organisation „Jugend rettet“ bei einem Einsatz. Foto: ZDF/Michele Cinque/Cesar Dezfuli

Als sie anfangen, sind sie noch Teenager. Mit 18 gründen Jakob Schoen und Lena Waldhoff im Jahr 2015 mit Freunden einen Verein mit dem Namen „Jugend rettet“. Sie sammeln Geld, kaufen einen alten Fischkutter, bauen ihn um und stechen in See, Richtung Mittelmeer: Sie wollen Menschen aus Seenot retten.

Sie werden Menschen aus Seenot retten, mehr als 14 000 in zwei Jahren – bis man sie nicht mehr lässt. Ihr Schiff, die „Iuventa“ (Jugend) wird schließlich von den italienischen Behörden beschlagnahmt, deren Vorwurf: „Beihilfe zur illegalen Einwanderung“. So heißt das nun bei Juristen, wenn man Menschen vor dem Tod durch Ertrinken bewahrt.

Der Filmemacher Michele Cinque hat die „Iuventa“ bei ihrer Mission begleitet und einen bewegenden Dokumentarfilm gedreht, der die hier nur als „Flüchtlinge“ Etikettierten als das zeigt, was sie sind: Menschen, die sich aus Verzweiflung über das Dasein in ihrer Heimat in Lebensgefahr begeben, in der Hoffnung auf eine menschenwürdige Existenz.

Cinque ist mit seiner Kamera mittendrin. Er zeigt die Vorbereitungen der Crew, zu denen auch das Erlernen einer Herzmassage gehört (sie werden das brauchen), er zeigt die Begegnungen mit schwimmbaren Untersätzen, die man nur euphemistisch Boote nennen kann, und die im Wortsinne hoffnungslos überladen sind. Auch bei ruhiger See ist die Rettung oft dramatisch, was durch den Umstand verstärkt wird, dass bei schönem Wetter besonders viele Boote in dem „Rettungszone“ genannten Bereich vor der libyschen Küste auftauchen.

Die Szenen mit den Geretteten zeigen den Flüchtling als Mensch, nicht als Teil einer Masse, zu der er in manchen Medien  gemacht wird. Die ersten Schritte salzverkrusteter Füße auf das nasse Metall des Schiffdecks, das Dankgebet, die Erschöpfung, die Erleichterung: „In Libyen ist das Meer schwarz“ sagt ein Mann. Ein 15-Jähriger berichtet von den Zuständen auf dem überfüllten Boot, zwischen Erbrochenem und Urin, von der Angst, ohne Schwimmweste ins Wasser zu fallen: Er kann nicht schwimmen.

Man wünscht sich, Politiker und Beamte, die über solche Schicksale entscheiden, würden das sehen. Man wünscht sich, die Hetzer im Internet, die den massenhaften Tod im Meer kommentieren, würden die Empathie aufbringen, sich in die Strapazen der Flüchtenden hineinzuversetzen.

Die Helfer setzen sich psychischen Belastungen aus, die sie an den Rand ihrer Kräfte bringen, vor allem, als Behörden und Justiz, schielend auf die rechte Wählerschaft, den NGOs wie „Jugend rettet“ das Leben schwer machen. Der Vorwurf, die privaten Rettungsorganisationen würden das Geschäft der Schleuser besorgen, wird schon durch diesen Film entkräftet. Aber die jungen Deutschen beschäftigt auch anderes bei ihren Diskussionen: Jeder Schritt in Richtung Professionalisierung, sagt der Kapitän der „Iuventa“, sei „ein Schritt, den die staatlichen Akteure nicht gehen müssen.“

Gründer Jakob Schoen steigt irgendwann aus; seine Kollegin Katrin stöhnt einmal, sie müsse dauernd „nur noch irgendwas bekämpfen oder retten“. Ein Mitstreiter sagt, die Wiederaufnahme der Mission im Frühjahr 2017 sei auch eine Niederlage, weil es nicht erreicht worden sei, die Staaten zu mehr Handeln zu veranlassen.

Die italienische Justiz aber sorgt durch die Beschlagnahme des Schiffs im September 2017 für eine Zwangspause, die immer noch nicht beendet ist. Man habe ihnen „das Schiff unterm Arsch weggeklaut“, sagt Missionschefin Katrin. Und dieser Tage haben Spaniens Behörden wieder ein Rettungsschiff, die „Open Arms“, am Auslaufen gehindert.

Der Ton des Films ist bisweilen unterirdisch, die Kamera auch in nicht dramatischen Momenten unstet, und in der vorliegenden Fassung war Cinques italienischer Kommentar durch den deutschen Text zu hören – unnötig für die Authentizität. Tut alles nichts. Der Film selbst ist die Botschaft. „Wenn wir uns wirklich radikal vor Augen führen würden, wie gut es uns hier geht“, sagte jetzt der Schauspieler Bjarne Mädel in einem Interview, „und die täglichen schlimmen Nachrichten wirklich in unser Herz lassen würden, dann könnten wir eigentlich gar nicht mehr so leben, wie wir es tun.“ Stimmt.

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