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„Italien und die Populisten“, Arte Matteo und seine Marionette

Ein informativer Dokumentarfilm zweier französischer Autorinnen schildert die aktuelle Entwicklung Italiens zum Problemfall der EU.

Luigi Di Maio und Matteo Salvini
Luigi di Maio (l.) und Matteo Salvini (r.) in Rom. Foto: dpa

Brutus schwitzt. Ein dunkler Streifen ist auf seinem weißen Hemdrücken zu sehen, als er das Bad in der Menge nimmt. Er genießt es,  Umarmung hier, Händeschütteln da,  Selfies und diese begeisterten Rufe: „Matteo, Matteo, wir glauben an Dich!“

Julie Peyrard und Natalia Rodriguez Perez zeigen den italienischen Innenminister Matteo Salvini zu Beginn ihres Films als Volkstribun. Er bestärkt dieses Bild mit seiner Selbstdarstellung. Sein Geheimnis sei „Normalität“; er gehe „abends noch immer in Shorts zum Joggen und fahre heimlich mit der U-Bahn“.  Giuliano Ferrara bestätigt dieses Urteil: Der Herausgeber der Zeitung Il Foglio und ehemalige Sprecher von Silvio Berlusconi nennt Matteo einen „Mann des Volkes, der sich mit dem kleinen Italiener auf der Straße identifiziert“. Aber auch „eine Art Komödiendarsteller, der bald die Hauptfigur in einem Drama werden könnte.“

„Vox populi, vox dei“, Stimme des Volkes, Stimme Gottes, haben Peyrard und Perez ihren Film genannt, der bei Arte unter dem Titel „Italien und die Populisten: Eine Gefahr für Europa?“ ausgestrahlt wird. Es ist der Film zum Tage. Und wer die zahlreichen Kommentare von Unterstützern und Gegnern der aktuellen italienischen Regierung verfolgt, ist geneigt, die Titelfrage mit ja zu beantworten.

Die Autoren zeichnen die Entwicklung nach, die zur Bildung der Regierungskoalition aus Lega und Cinque Stelle führte – ein Zusammenschluss gegen alle Wahrscheinlichkeit. Die rechtsextreme Lega hat ihre Wähler im Norden, die spontaneistische Fünf-Sterne-Bewegung kam durch Erfolge im Süden an die Macht. Ihr ehemaliges Mitglied Federico Pizzarotti, Bürgermeister von Parma, sagt, er hätte nie gedacht, „dass sie gemeinsame Werte vertreten“. Und Concita de Gregorio von der Tageszeitung „La Repubblica“  erklärt gar Nord- und Süditalien für „anthropologisch inkompatibel“. Das gilt wohl auch für die beiden Köpfe der Regierung.

Europa in Unruhe versetzt

Doch jetzt regieren sie zusammen – und versetzen Europa in Unruhe. Denn um die versprochenen Wahlgeschenke zu verwirklichen, wollen sie Geld ausgeben, das sie nicht haben. Sie wollen den  staatlichen Schuldenberg um weitere 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wachsen lassen  – nur 1,5 Prozent mehr gilt in der EU als Maximalwert.

Aber die Autoren des Films zeigen auch: Die EU-Kommission wird Matteo und seinen Partner – eher Rivalen –  Luigi di Maio von den fünf Sternen kaum bremsen – andernfalls wäre ihre Macht gefährdet.

Dabei  könnten auch di  Maio und Salvini unterschiedlicher kaum sein. Di Maio   hat es in der vom Komiker Beppe Grillo gegründeten Bewegung rasch zur Führungsfigur gebracht, ein glatter junger Mann, Typ idealer Schwiegersohn. Giuliano Ferrara nennt ihn ein „Kunstprodukt“.  Aber im Koalitionsvertrag haben sie einerseits das von Grillo stets geforderte bedingungslose Grundeinkommen beschlossen – andererseits will die Lega eine einheitliche Steuer. Und nun müssen sie es finanzieren. 

In den Kommentaren der Journalisten wie der einstigen politischen Weggefährten wird die Unmöglichkeit der Konstellation erkennbar – was den Film auch spannend macht  hinsichtlich seiner  Aussagekraft. Denn wenn der Druck zunimmt auf die Regierung, könnte es zum Machtkampf kommen. 

Zwar haben die Fünf-Sterne mehr Stimmen bekommen. Doch erweist sich bislang  Salvini als der Egomane und Populist. Er beherrscht die Schlagzeilen mit seinen Provokationen und seiner Brutalität gegenüber den Migranten. Salvini ist ein Faschist neuen Typs und Rassist, der schon mal proletet: „Die Napolitaner stinken“. Besonders beklemmend, wenn er mit seinen Anhängern bei einer Veranstaltung skandiert: „Wer nicht hüpft, ist ein clandestino“, also ein illegaler Migrant. Und sie hüpfen alle, lachend.

Salvini spielt auf der Klaviatur des Demagogen

Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando sagt, di Maio habe sich als der Puppenspieler ausgegeben, der Salvini kontrolliere, aber er glaube heute, dass di Maio die Marionette Salvinis sei. Mischaël Modrikamen, belgischer Rechtspopulist und Salvinis Bruder im Geiste, erklärt dessen Erfolg damit, dass er bewiesen habe: Populismus ist nicht nur Reden sondern auch Handeln. Das gilt vor allem für die Einwanderungspolitik, mit der Salvini hemmungslos auf der Klaviatur des Demagogen spielt und bei der er auf die Menschenrechte pfeift.

Das bewährte Muster: Um von der desolaten Lage im Innern abzulenken, sucht man sich ein Feindbild. Warum das funktioniert? Die Italiener seien müde nach all den Skandalen Berlusconis, sagt Concita de Gregorio. Und die Autoren kommentieren, dass die drittstärkste Wirtschaftsnation der EU von einem Gefühl der Deklassierung befallen sei. Es wird nicht investiert; die Jugendarbeitslosigkeit im Süden liegt bei 50 Prozent, erläutert; jährlich verlassen 50000 junge Italiener das Land.

Das ist die Situation, in der ein böser Geist von Übersee das Land am Stiefel heimsucht: Die Autoren lassen auch Steve Bannon zu Wort kommen, den faschistischen Ex-Berater von Donald Trump. Sein Ziel ist es, Europa zu lähmen und  die Rechtsextremen zu stärken.  Die das Projekt Europa beenden würden, wären sie an der Macht.  Es ist ein nicht geringes Verdienst dieses wortreichen Films, ein Kaleidoskop der Bedrohung zu zeigen, der sich nur Demokraten entgegenstellen können – in Italien und dem übrigen Europa. Das wird durch den aktuellen Konflikt um den römischen Staatshaushalt nicht leichter. Und Brutus, Matteo Salvini, ist kein ehrenwerter Mann.

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